Werner Engelmann
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8) Gendern und konservative Strategien

 

 

 

8.     Gendern und konservative Gegenstrategien:

      Selbstbild versus reale politische Funktion   

                                                                                                                  

Um mögliche politische Folgen und Entwicklungen, hier vor allem in innenpolitischer Hinsicht, einzuschätzen, bedarf es einer kurzen Gesamtschau.

 

Schon eingangs wurde auf das Kernproblem der Gendern-Bewegung hingewiesen: den Widerspruch zwischen Selbstbild, Theorie und Praxis.

   Ihr Selbstbild ist bestimmt durch die Vorstellung, eine geschichtsmächtige Bewegung darzustellen, die eine - so behauptet man - immer noch von patriarchalischem Denken bestimmte Gesellschaft „radikal“ verändern will und kann: in Hinblick auf „echte“ Toleranz und Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern.  

 

Schon hier offenbart sich Selbstüberhebung, aber auch Geringschätzung der Erfolge vergangener Emanzipationsbewegungen, allen voran der Frauenbewegung. Statt daran anzuknüpfen, schafft man sich ein Feindbild für das Alte, Beharrende: verkörpert durch „alte weiße Männer“. Und als Gegenbild dazu glaubt man das Neue zu repräsentieren.

 

Die Existenz dieses Feindbilds ist Voraussetzung für das eigene,             „identitäre“ Selbstbild: Der bisweilen messianische Impetus resultiert nicht aus dem Bewusstsein eigener Kraft, sondern aus unerbittlicher Gegnerschaft zu diesen „Feinden“: Man bestätigt sich selbst, indem man das Feindbild auf Kritiker projiziert, sich selbst für „progressiv“ hält.

Während die Gendern-Bewegung vorgibt, Ungerechtigkeit zwischen Geschlechtern zu beseitigen, schafft sie in Wahrheit neue Gräben: Aus der Geschlechterfrage wird mehr und mehr eine Auseinandersetzung zwischen den Generationen.

 

 

Wer sich ernsthaft mit Geschichte befasst, der erkennt bereits hier Warnsignale, die andeuten, in welche Richtung sich Generationenkonflikte entwickeln können:

Es war der Hass auf eine überkommene „bürgerliche Welt“, der vor allem Jugendliche mit Hurra-Geschrei in den ersten Weltkrieg ziehen ließ. Auch die Nazis waren in ihrem Ursprung eine Jugendbewegung, welche die „alte“ patriarchale Gesellschaft aufzuheben und soziale Schranken zu beseitigen meinte. Nach der russischen Revolution gingen, besonders in der Stalin-Ära, junge „Revolutionäre“ mordend gegen altgediente Parteigenossen vor. Und die Brutalität, mit der junge maoistische „Kultur-Revolutionäre“ ihre eigenen Väter beseitigten, ist bis heute unübertroffen.

Erschreckende Beispiele, die deutlich machen, dass „Kulturrevolutionen“ - unabhängig von der Ideologie - dazu neigen, außer Kontrolle zu geraten und ins Gegenteil zu den Zielen umzuschlagen, mit denen sie angetreten waren.

 

Der Weg zu radikalen Verirrungen ist gekennzeichnet durch Entfremdung von der Realität: Selbstbild und Ideologie verstellen den offenen, kritischen Blick auf die Wirklichkeit und sich selbst. Kritik von außen erfährt man als existentielle Bedrohung.

 

So igelt sich auch die Gendern-Bewegung, in „identitärem“                     Selbstverständnis, in ihren verabsolutierten „alternativen Wahrheiten“ ein. Doch so sehr man sich auch dagegen sträubt, das eigene Selbstbild in Frage zu stellen: In dem Maße, in dem sich die eigenen Widersprüche in der Praxis offenbaren, wird man von der verdrängten Realität wieder eingeholt. Und in Krisenzeiten vollzieht sich dieser Prozess noch schneller.

 

Die Frage nach den innenpolitischen Folgen vorgenannter Widersprüche erfordert aber auch, Strategien der Gegenseite aufzuzeigen und zu untersuchen.

Dazu sei kurz auf zwei Politiker eingegangen, die sich in Bezug auf die Gendern-Frage deutlich und wiederholt positioniert haben: den CSU-Vorsitzenden Markus Söder und den CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz.

 

Ein Markus Söder poltert regelmäßig in bajuwarischer Manier gegen         "Umerziehung der deutschen Bevölkerung", dagegen, „Gendern zwanghaft zu verordnen“ - auch wenn dies gegenwärtig nur dem kleineren Teil der Gendern-Bewegung nachzuweisen ist. Und er stellt abstruse Zusammenhänge her mit „staatlichen Vorgaben zur Ernährung“ und Freigabe von Drogen.  31 Stammtisch-Parolen machen sich immer gut in dieser Partei, und da fragt keiner nach realen Belegen.

 

Auch für Friedrich Merz steht die Gendern-Frage schon lange auf der politischen Agenda. Und er gibt Hinweise, wie diese für dezidiert „konservative“ Teile der Union strategisch zu instrumentalisieren sei - vorausgesetzt, man versteht sie zu deuten.

Dies wurde zuletzt beim CDU-Parteitag am 10. 9. 2022 deutlich. Besonders klagt er hier die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten an, als Volkserziehungsanstalten“, welche - soweit noch korrekt - dem        „staatlichen Bildungs- und Informationsauftrag“ entgegen stehen. 32

 

Freilich vermeidet er tunlichst, auf die strategische Bedeutung der Gendern-Frage für die Union einzugehen, was aber schon lange kein Geheimnis mehr ist: Er spekuliert auf ein Verbot des Genderns im öffentlichen Diskurs durch das Bundesverfassungsgericht. Insofern unterscheidet sich diese Strategie nur unwesentlich von AfD-Positionen. Rechte und rechtsextreme Kreise pflegen grundsätzlich, gesellschaftliche Konflikte vor dem Kadi auszufechten statt im demokratischen Diskurs.

 

 

Diese beiden Unions-„Strategen“ wären also die idealen Sparring-Partner der Gendern-Bewegung: Beide eint das Interesse, sich als Feindbild gegenseitig hochzuschaukeln.

Gendern-Fans aber stürzen sich lieber, in diffuser Weise, auf lächerliche Äußerungen aus rechtsradikalen Kreisen, verteufeln Kritiker und pflegen die genannten Feindbilder. 33 

Sich ernsthaft mit politischen Strategien der Gegenseite wie der oben genannten zu befassen, dies würde nämlich erfordern, auch die eigene Praxis und deren Ergebnisse kritisch zu beleuchten. Und dies birgt die Gefahr in sich, erkennen zu müssen, dass die rationalere - freilich auch zynischere - Strategie auf Seiten ihrer „Feinde“ vorliegt. Diese Erkenntnis erträgt nicht, wer sich selbst in einer vermeintlich höheren Moral sonnt.

 

Friedrich Merz dagegen ist sich sehr wohl bewusst, dass - mangels überzeugenden politischen Programms - auf die fremdenfeindliche Karte zu setzen der Unions-Strategie nur begrenzt weiterhilft. Es bedarf zu diesem Zweck eines langfristigen, jederzeit abrufbaren Dauer-Wahlkampfthemas, das zudem die Menschen emotional berührt.

Und dieses Dauerthema liefert ihm die Gendern-Bewegung. Ein umso wertvolleres „Geschenk“ an rechtsnationale Kreise, als Gendern-Fans unfähig sind, politische Zusammenhänge zu begreifen. Und dass sie es sind, die in ihrer Naivität von Merz und Co. instrumentalisiert werden.

 

Dies ist der eigentliche Hintergedanke von Unions-Strategen, wenn sie die schon im Abschnitt 5 aufgezeigte Strategie der Republikaner im US-Wahlkampf kopieren, nämlich jedweden politischen Angriff auf den politischen Gegner mit der Gendern-Frage zu verbinden. Ein perfektes         „Framing“: Denn diese überlagert jeden öffentlichen Diskurs, jedwede politische Äußerung, garantiert also Dauer-Präsenz.

 Und mehr noch: Die enge Verbindung von Sprache mit Bewusstsein, eigener Identität und eigenem Selbstbild macht es keinem Menschen möglich, sich dieser Thematik zu entziehen - es sei denn, er verurteilt sich selbst und auf Dauer zum Schweigen.

 

Dies erklärt die erhitzte Debatte zu diesem Thema, die in der Natur der Sache liegt und eher noch schärfer werden wird. Denn auch Konservative und Nationalisten kennen die von Gendern-Fans gepflegte Methode, unterschiedlichste Sachverhalte und Probleme miteinander zu vermengen. Und sie beherrschen solche Perfidie noch wesentlich besser.

 

 

Um es in einem Bild auszudrücken: Die Gendern-Bewegung stellt sich - wider Willen - als Trojanisches Pferd für erzkonservative und nationalistische Kreise zur Verfügung:

In naiver Vernarrtheit ins eigene Selbstbild geht sie jeder Finte auf den Leim, liefert ihren Gegnern die Vorlage, die diese brauchen. Und - ähnlich wie das aus List geborene Wesen in der Mythologie - birgt dieses Anti-Gendern-Krieger, deren re-aktionäre Ambitionen weit über die Gendern-Frage hinaus gehen.

 

Denn rechtsnationalistischen Kreisen geht es nicht um Sprache oder Verstehen, sondern um politische Restauration und umfassendes gesellschaftliches Roll-back. Und sie haben dabei die Gendern-Bewegung als zuverlässigsten Verbündeten erkannt.

Um schließlich die Selbsttäuschung perfekt zu machen: Sicher nicht ungewollter Neben-Effekt dieser „konservativen“ Strategie ist die Beförderung von Selbstzerstörung „linker“ Modelle, die auf Gleichheit und Gerechtigkeit zielen. Indem sie spaltet und Solidarität im eigenen Lager zerstört, leistet die Gendern-Bewegung auch dabei „wertvolle“ Dienste.

 

 

    So unwahrscheinlich es ist, dass die Gendern-Strategie sich auf linguistischer Ebene durchzusetzen vermag, so „vielversprechend“ erscheinen - aus rechts-nationalistischer Sicht - die Aussichten auf solche Selbstzerstörung der politischen Linken in Deutschland.

    Und diese wachsen in dem Maße, in dem die Widersprüche der Gendern-Bewegung sichtbar werden, in dem sie sich mit blindem Aktionismus in Eskapismus verschließt, sachliche Kritik verfemt und Kritiker in Reihen der Linken als ihre schlimmsten Gegner wahrnimmt.

           

    Blindheit, für die es historische Beispiele gibt: So, wenn man etwa an die gegenseitige Selbstzerfleischung von Sozialdemokraten und Kommunisten in der Weimarer Republik denkt, welche in einem nicht unerheblichen Maß den Nazis erst den Weg ebnete.

 

 

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31   https://www.nordbayern.de/politik/umerziehung-der-deutschen-bevolkerung-soder-wettert-gegen-das-gendern-1.12354460          , 19.07.2022

 

32     https://www.rnd.de/politik/friedrich-merz-gegen-gendern-bei-oeffentlich-rechtlichen-FBEA6IWJRWBGP5RMWSVYMB53NA.html, 10.09.2022 

 

 33    So demonstriert eine Rapperin, die sich Lady Bitch Ray nennt, auf welch unterirdischem Niveau sich „prominente“ Gendern-Verteidiger bewegen. Sie fühlt sich als „Linguistin“ berufen, primitivste Feindbilder zu bestätigen: „Das Ablehnen der Gender­sprache bedient eine patriarchale, weiße Agenda.“  

  

https://www.rnd.de/politik/lady-bitch-ray-im-interview-ueber-gendergerechte-sprache-das-ablehnen-der-gender-sprache-bedient-XVIDNSPNCFBRVKQDVZ4CS4V7KY.html 

 

 

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