Werner Engelmann
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5.  Gendern und demokratische Defizite

 

 

5.  Gendern und demokratische Defizite in Medien

     und öffentlichem Diskurs 

 

 

 

Nach der voranstehenden Analyse stellt sich eine weitere Frage: Wie hält es die Gendern-Bewegung mit demokratischen Formen des gegenseitigen Umgangs in der Gesellschaft?

 

Demokratie lebt vom offenen Meinungsaustauch. Dabei kommt den Medien besondere Bedeutung zu. Mit solcher Offenheit haben Gendern-Fans jedoch oft erhebliche Probleme.

Um aber den Ursachen nachzugehen, muss zuvor der zu untersuchende Bereich eingegrenzt werden. Denn wenn zu wesentlichen Merkmalen der Gendern-Bewegung auch Pauschalisierung und Polarisierung gehört, so darf eine kritische Untersuchung sich nicht auf gleichem „Niveau“ bewegen.

 

Für eine differenzierte Beurteilung wäre zuerst zu unterscheiden zwischen

(a) dienstlichen Bereichen wie Verwaltungen,

(b) freiwilligen Zusammenschlüssen wie etwa Gewerkschaften und

(c) öffentlich-rechtlichen oder staatlich organisierten Bereichen. 

 

Im Fall (a) und (b) wären Abweichungen von der Normsprache durchaus denkbar und evt. auch legitimiert, im Fall (c) dagegen sind sie nicht verantwortbar.

 

Zu (a): In Verwaltungen ist dies durch Sprechabsicht und besondere Situation begründet. Stellen-Ausschreibungen etwa sprechen Menschen unterschiedlichen Geschlechts an, und zwar in appellativer Form. Genderneutrale Ansprache ist hier nicht nur eine Frage der Höflichkeit, sondern eine Pflicht im Sinne des im Grundgesetz verankerten Gleichbehandlungsgebots.

 

Zu (b): Bei Verlautbarungen in Gewerkschaften oder Vereinen ist es möglich auszuhandeln, was als „korrekt“ und angemessen empfunden wird. Die Wirkung ist weitgehend auf den inneren Bereich beschränkt, die Form der sprachlichen Selbstverständigung ist keine Angelegenheit der Gesellschaft insgesamt und damit auch nicht notwendigerweise deren Normen unterworfen. Freilich gilt auch hier das Gebot der Toleranz und gegenseitigen Respekts, was einen Zwang oder auch Druck im Sinne vermeintlich „gendersensiblen Sprechens“ verbietet. 13  

 

 

    Ganz anders verhält es sich bei öffentlich-rechtlichen Medien oder staatlichen Organisationen wie Universitäten oder Schulen. Hier handeln die jeweiligen Beschäftigten oder Lehrkräfte im Auftrag der Allgemeinheit oder unter Aufsicht des Staates. Und die Angesprochenen, etwa Fernsehzuschauer, müssen dies erdulden, ohne eine Möglichkeit der Mitbestimmung zu haben.

  So sind Nachrichtensprecher oder -sprecherinnen Zuschauern gegenüber zu sachlicher Information verpflichtet, ohne belehrende Subtexte nach eigenem Gusto mitzuliefern. Gezielte Abweichung von sprachlicher Norm ist hier bevormundend, für viele auch verletzend. Denn Sprache ist integrativer Bestandteil der Identität von Menschen. 

  Auch selbstherrlichen „Fernsehgewaltigen“ steht es nicht zu, in die Persönlichkeit anderer Menschen einzugreifen, ihnen, unter Missbrauch ihrer Vorbildfunktion und Verletzung des gesellschaftlichen Konsenses vorzugaukeln, wie „man“ zu reden habe.

 

Dies stellt aber auch eine Verletzung der Pflichten gegenüber der Gemeinschaft dar, in deren Auftrag sie handeln. Und im Falle von Universitäten und Schulen ist dies aufgrund des Abhängigkeitsverhältnisses auch eindeutig als Machtmissbrauch zu bezeichnen.

In Frankreich etwa wäre so ein nicht zu verantwortendes Vermengen von privaten Sichtweisen mit öffentlichen Aufgaben schon heute undenkbar.

 

Gerade im Fall von Schulen stehen schon jetzt verschiedene Gerichtsentscheide an. Und nach den in rechten Kreisen erkennbaren Strategie ist zu erwarten, dass schließlich das Bundesverfassungsgericht das letzte Wort haben wird. 14

 

 

 

Im Folgenden geht es also ausschließlich um Gendern im öffentlichen und öffentlich-rechtlichen Bereich

Hier offenbart sich allerdings ein gestörtes Verhältnis der Gendern-Bewegung zu demokratischen Gepflogenheiten im gegenseitigen Umgang in der Gesellschaft.

 

Dies lässt sich an zwei Merkmalen in Selbstverständnis und Praxis ausmachen:

    a) an der utopisch-teleologischen Ausrichtung mit selbstgerecht-elitärem Anspruch, „Moral“ per se zu verkörpern, und, daraus abgeleitet, das vermeintliche „moralische Recht“, eigenes Verständnis von „gendersensiblem Sprechen“ anderen aufzudrängen,

    b) an der flächendeckenden Überlagerung von Informationen mit immer gleichen, ideologisch bedingten Subtexten, welche die eigentlichen Inhalte zurückdrängen, pauschalisieren und polarisierend wirken.

 

Zu a) Teleologie und „Moral“:

 

Die Gendern-Promotorin Luise Pusch verspricht in ihrem Traktat „Das Deutsche als Männersprache“ nichts weniger als das Paradies auf Erden. Dies erinnert freilich kaum an den historisch bedeutsamen utopischen Entwurf „Utopia“ eines Thomas Morus, umso mehr aber an die „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley.

Denn bevor sich das „Paradies“ mittels ihrer „feministischen Kongruenzregel“ etablieren werde, hat die Sprachgemeinschaft, die tumbe Männerwelt voran, für mindestens 100 Jahre das radikalfeministische sprachliche Purgatorium über sich ergehen zu lassen: 

„Per aspera ad astra“ (Durch Mühsal zu den Sternen). 15

 

 

 

    Elemente solchen Größenwahns sind auch in Gendern-Praxis zu erkennen, so im radikalen Umbau deutscher Grammatik. Perfider scheint dennoch der selbstgerecht-elitäre Anspruch zu sein, die „Moral“ per se zu verkörpern. Besonders penetrant zeigt sich dies beim aktuell rührigsten Gendern-Promotor, Anatol Stefanowitsch. 16

 

     Dies wird nicht erst deutlich im aufgeblähten Moralanspruch seiner                   „Streitschrift“ "Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen"17

    

    Es steckt bereits in seinem Postulat eines vermeintlichen „Rechts auf Sichtbarkeit“, das wohl am deutlichsten das Selbstverständnis der Gendern-Bewegung bestimmt hat.

           

    Hier nimmt Anatol Stefanowitsch für sich in Anspruch, die Minderheit der LGBTQ-Community durch permanente „Sichtbarkeit“ in jedem nur denkbaren Kontext zu „beglücken“ - ungefragt und, nach historischen Erfahrungen in erschreckend unsensibler Weise, mit einem „Sternchen“.

    In Wahrheit wird diese Minderheit von Stefanowitsch und der Gendern-Bewegung in perfider Weise instrumentalisiert. Pseudo-moralische Überhöhung durch den „guten Zweck“ soll ein argumentatives Vakuum übertünchen, während zugleich in zynischer Weise das Grundrecht dieser Menschen auf „informationelle Selbstbestimmung“ verletzt wird. 18

 

Ein bekennender Angehöriger dieser Community macht dies sehr deutlich. Zu der erzwungenen „Sichtbarkeit“ fällt ihm nur noch bitterer Sarkasmus ein: „‘Sichtbar‘ waren auch die Juden im dritten Reich."  19

 

 

Zu b) Polarisierender Subtext und Bevormundung:

 

Das Konzept aufgezwungener „Sichtbarkeit“ mittels sexualisierter Sprache enthält so den Keim zu einer Entwicklung, die demokratischen Werten und Verhaltensweisen direkt entgegensteht: indem man der Sprachgemeinschaft insgesamt sein Konzept angeblicher Menschheitsbeglückung aufzuoktroyieren sucht, während man sich selbst demokratischer Diskussion und Kontrolle entzieht.

 

Wie das von Nele Pollatschek beklagte „aufgezwungene sprachliche Dauerfrausein" 20 wird auch das postulierte „Recht auf Sichtbarkeit“ zum Dauerzwang, sich zu positionieren, und zwar in polarisierender Weise: Wer immer und wo immer seinen Mund aufmacht, der hat zugleich ein politisches Bekenntnis abzulegen: pro oder kontra Gendern.

Der Spaltpilz wird so nicht nur ins Innere der Gesellschaft transportiert, er nistet sich via Sprache im Bewusstsein eines jeden Menschen der Sprachgemeinschaft ein.

 

 

    Vor einem solchen Hintergrund wird der massive Widerstand breiter Kreise der Bevölkerung gegen die Gendern-Ideologie verständlich. Denn die eigene Sprache ist integrativer Bestandteil der eigenen Identität. Zurecht empfindet man solches Vorgehen als Form der Enteignung: Exzesse einzelner, die sich etwa rassistisch äußern, dienen als Anlass, um angstfreies Sprechen der Sprachgemeinschaft insgesamt zu verhindern. Statt äußerer Zensur macht sich mehr und mehr verinnerlichte Selbstzensur breit.

  Ein Konzept, mit „aufklärerischem“ Impetus angetreten, ist dabei, sich in einen fatalen Gegenentwurf zur Aufklärung zu entwickeln, die Kant mit dem „Wahlspruch“ auf den Begriff bringt: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

 

Und es sei an historische Beispiele erinnert, wie ideale Gesellschaftsentwürfe in das gerade Gegenteil umschlugen: So die Französische Revolution in den Terror eines Robespierre, oder die bolschewistische Revolution in den Staatsterror eines Stalin und - man muss heute ergänzen - auch eines Putin.

   Jeder utopische Entwurf hat sich diesen immanenten Mechanismus radikaler Gesellschaftsbilder vor Augen zu halten.

 

 

Man muss also kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass sich unter den genannten Bedingungen der Widerstand verstärken wird, nicht nur etwa bei Schriftstellern, die in besonderer Weise für Sprache sensibilisiert und darauf angewiesen sind, dass die eigene Sprache ihnen entsprechend differenzierte Ausdrucksmöglichkeiten bereitstellt.

Dieser Problematik und der Analyse, wie die Gendern-Bewegung diese Tendenz durch Selbstentlarvung befördert, seien die nächsten beiden Abschnitte gewidmet. 

 

 

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13     Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Berlin (welcher der Autor dieses Essays angehört) werden Beiträge verdienter Gewerkschafter ungefragt in „gendersensible Sprache“ umgewandelt und diese auf Protest hin bloßgestellt. Dies widerspricht zweifellos dem hier genannten Toleranzgebot.

 

14     Vgl. dazu Abschnitt 8. Immerhin ist erkennbar, dass durch Kultusministerien verschiedener parteipolitischer Couleur der Instrumentalisierung von Minderjährigen zu politischen Zwecken durch fanatische Gendern-Fans ein Riegel vorgeschoben wird. So stellte, nach Sachsen, auch der Berliner Schulsenat klar, „die Schulen müssten sich an die Lehrpläne halten, „damit (…) unter anderem der normgerechte Spracherwerb und -gebrauch sichergestellt“ werde.   (https://www.rnd.de/panorama/gendersprache-gehoert-laut-senat-nicht-an-berliner-schulen-O2H4GFMBCD5VFUQFYWP7RFEVNM.html)

 

 

15    „Die Feministische Kongruenzregel etabliert eine neue Harmonie. Mit der sanften Gewalt des Wassers unterspült sie die Fundamente der Sprache des Patriarchats und damit des Patriarchats selbst. Eine Welt, die mit beiden Geschlechtern kongruiert (harmoniert), wird eine humane Welt sein “ (S. 107, Hervorhebung L.P.)

 

 

16     Vgl. dazu die unter Fußnote 1 genannte Analyse „Gendern, ‚politisch korrekte Sprache‘ und Moral - Zum Gendern-Promotor Anatol Stefanowitsch als Moralisten“, (19.01.2022).

 

 

17   Vgl. dazu an gleicher Stelle die Analyse „Identitäre Ideologie und ‚Sichtbarkeit‘ in der Gendern-Bewegung“, Kapitel I,3: „Permanente öffentliche ‚Sichtbarkeit‘ als höherrangiges ‚Recht‘?“, S. 13 ff.

 

18   Unverblümter als in folgender Äußerung von Stefanowitsch kann man die gezielte Instrumentalisierung von Minderheiten zu eigenen politischen Zwecken nicht eingestehen: "Eine dritte Gruppe war sprachlich komplett unsichtbar und ist erst durch das Sternchen in 'Vertreter*in' sichtbar geworden: nicht-binäre Menschen. (...) Für diese Gruppe ist Sichtbarkeit die Voraussetzung, um überhaupt am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen. Dass sie dabei ihre geschlechtliche Identität auch dort zum Thema machen, wo sie keine Rolle spielen sollte, ist für die*den Einzelne*n sicher oft unangenehm, es ist aber Teil genau der gesellschaftlichen Wahrnehmung, die erreicht werden soll." (https://www.tagesspiegel.de/wissen/warum-sprachwandel-notwendig-ist-der-professordie-professor-das-professor/26155414..html), 03.09.2020. -

 

19   https://www.fr.de/meinung/kolumnen/bundestagswahl-2021-markus-soeder-csu-cdu-uniont-gendernbayern-afd-meinung-kolumne-90997986.html, 23.09.2021

 

20    Siehe Fußnote 10

 

 

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