Werner Engelmann
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4) Gendern im Journalismus

 

 

 

 

4.  Gendern im Journalismus:

     Zum Problem der Trennung von Nachricht und Meinung

 

 

 

Der folgende Abschnitt lenkt den Fokus auf die Printmedien, welche sich der Gendern-Praxis verschrieben haben, so die renommierte Frankfurter Rundschau.

    Wer regelmäßig die Kommentarspalten dieser historisch verdienstvollen liberalen Zeitung liest, dem fällt die zunehmende Kritik von Lesern (beiderlei Geschlechts) auf, weniger in inhaltlicher Hinsicht als an Sprachstil und journalistischer Praxis. Unabhängig von der Frage des Genderns wird, durchaus zurecht, mangelnde journalistische Sorgfalt und Überhandnehmen sprachlicher Fehler beklagt. Darüber hinaus geht es aber auch um eine journalistische Grundregel: die Trennung von Nachricht und Kommentar.

Und solche Kritik kommt keineswegs allein von „rechter“ Seite, der man unterstellen könnte, dass ihr die ganze Richtung „nicht passt“. Sie erfolgt auch von Lesern und Leserinnen (so dem Autor dieses Essays), welche die liberalen Traditionen dieser Zeitung, die Grundprinzipien ihrer verdienstvollen Vorgänger wie Karl-Hermann Flach oder Karl Gerold kennen und schätzen.

 

 

   Was also steht hinter solcher Kritik, die nicht mehr zu übersehen und zu leugnen ist?

Um dem Zusammenhang mit dem Problem des Genderns auf die Spur zu kommen, bedarf es zunächst einer linguistischen Klärung.

Nun haben angehende Journalisten oder Journalistinnen zwangsläufig eine germanistische Ausbildung hinter sich. Sie sollten also die Grundfunktionen der Sprache nach dem Bühler-Modell kennen, als da sind „Ausdruck“, „Appell“ und „Darstellung“.

 

„Ausdruck“ findet seine archetypische Verwendung in Ich-Romanen (wie Goethes „Werther“) oder in Lyrik. Diese literarischen Formen suchen subjektive Empfindungen des „Ich“ zu vermitteln.

„Appellativ“ sind Formen der Rede, insbesondere im politischen Bereich. Sie sprechen Hörer gezielt an, im Bestreben, sie zu überzeugen oder zu einem bestimmten Verhalten zu überreden. Gelegentlich können auch Zeitungskommentare sich der appellativen Grundfunktion bedienen.

       „Darstellenden“ Charakter haben z.B. Zeitungsberichte - oder sollten sie haben. Sie sprechen niemanden an, ihre Funktion ist vielmehr, sachlich und präzise über wirkliches Geschehen zu berichten. Sie machen die mit großem Abstand wichtigste Aufgabe journalistischer Tätigkeit aus.

 

Die althergebrachte Tugend des seriösen Journalismus, „Trennung von Nachricht und Kommentar“ resp. Meinung beruht also darauf, sich bei Nachrichten streng auf die sachliche Darstellung des Geschehens zu beschränken, sich jeglicher appellativer Sprachelemente zu enthalten und diese ausschließlich in Meinungsspalten zu verwenden.

 

Die Gendern-Ideologie aber kennt nichts anderes als appellatives Sprechen, sie kultiviert dieses geradezu: Was immer gesagt oder geschrieben wird, hat Appell-Charakter anzunehmen. Und dies ist alleiniges Kriterium für das, was sie    „gendersensibles Sprechen“ nennt. Sie fordert - expressis verbis und unabhängig von der Sprechsituation - Ansprache der Leser und vor allem Leserinnen.

Gleichgültig, ob Nachricht oder Kommentar, die journalistische                „Botschaft“ habe immer und überall (ob zurecht, sei dahingestellt) vor allem Leserinnen das Gefühl zu vermitteln, „gemeint“ und nicht „als Frau nur mit-gemeint“ zu sein. Nach der Gendern-Promotorin Luise Pusch ist solch subjektives Sich-betroffen-Fühlen der alles entscheidende Maßstab für jegliches Sprechen. Und es ist Anlass für sie, der deutschen Sprache „als Männersprache“ per se den Krieg zu erklären.  9

 

 

Es liegt also in der Natur der Sache, wenn Klagen über Verletzung der journalistischen Grundregel von Nachricht und Kommentar zunehmen, und zwar von vielen Seiten. Denn Gendern versieht jegliches Sprechen und Schreiben mit einem polarisierenden Subtext sexistischer Art. 10

 

Und sie macht so sachliche Darstellung unmöglich, was für die journalistische Praxis verheerend ist: Seriöser Journalismus und Gendern-Praxis sind schlicht unvereinbar. Sie in Übereinstimmung bringen zu wollen, das verhält sich wie die Quadratur des Kreises.     

 

In ihrer Dauerberieselung mit subjektivistischen Appellen und Befindlichkeiten überbietet die Gendern-Ideologie sogar noch die an manipulativen Elementen wahrlich nicht arme Glitzer-Welt der Influencer und Influencerinnen sowie Marketing-Strategen. Deren „klugen Ratschlägen“ kann man sich immerhin noch weitgehend entziehen. Nicht aber einer Gendern-Praxis, die jedes Sprechen und Schreiben zu durchdringen versucht.

 

 

 

Diese Einschätzung der Gendern-Ideologie und ihrer Folgen für den Journalismus sei am Beispiel eines Berichts über den amerikanischen Wahlkampf erläutert.

 

 Konkret geht es dabei um Hetze des von Trump unterstützten republikanischen Kandidaten Herschel Walker in der Stichwahl für den Senatssitz in Georgia. Hier zeigt sich, in welchem Maße die Gendern-Debatte ein gefundenes Fressen für demagogische rechtsradikale Politiker darstellt, um Feindbilder im Innern zu erzeugen und so das Fehlen eines überzeugenden politischen Programms zu kompensieren.

 

Vorausgegangen war ein Hassverbrechen gegen Angehörige der LGBTQ-Gemeinde in Colorado Springs. Herschel Walker benutzt dies zu primitivster und übelster Hetze: „Pronomen. Was zur Hölle ist ein Pronomen? Ich kann Ihnen sagen, Granaten wissen nichts über Pronomen. Kugeln wissen nichts über Pronomen. Aber sie (die LGBTQ-Gemeinde) reden über Pronomen.“

Und der Bericht eines erfahrenen Journalisten der FR fährt, Walker zitierend, mit einem völlig verkorksten Satz fort:

„Statt also über gendergerechte Sprache zu diskutieren, sollten die Soldat:innen lieber ‚Liegestütze und Sit-ups. Ich mache immer noch Liegestütze und Sit-ups. Das müssen sie machen, nicht Pronomen!‘" 11

 

 

    „Berichte“ wie dieser finden sich zahllos in einer durchaus als seriös anerkannten Zeitung wie der FR.

    Sie stellen eine feste Verbindung her zwischen Hetze, menschenverachtendem Denken und Gendern-Kritik. Sie schaffen, nach „neudeutscher“ Terminologie, ein perfides „Framing“, indem sie neben dem eigentlichen Inhalt der Nachricht im Subtext eine weitere, doppelte            „Botschaft“ vermitteln: Sie präsentieren Gendern-Kritiker, in Gestalt bösartiger Hetzer, als permanente „Täter“ und Gendern-Fans als Dauer-„Opfer“. Und sie suggerieren, dass, wer Kritik an Gendern-Praxis übt, Frauen- oder gar Menschenverächter sein müsse - ein klassisches Merkmal für Manipulation.

Auffällig ist darüber hinaus, dass der Verfasser selbst die wörtliche Wiedergabe der unsäglichen Aussage eines extremen Gendern-Gegners gendert: Ein Hinweis auf eine bereits verinnerlichte Haltung, auf selbstkritische Überprüfung generell zu verzichten.

 

 

Es sei darauf verwiesen, dass dies nicht allein Praxis eines einzelnen Journalisten, sondern der Gendern-Ideologie generell immanent ist. Schon der von Gendern-Promotoren verbreitete Euphemismus, der               „gendergerechtes“ Sprechen sich selbst zuschreibt, enthält implizit die perfide Diskreditierung von Kritikern, die danach - per definitionem - sich „ungerecht“ verhalten müssen.

Für Gendern-Fans existiert die Kategorie distanziert-sachlicher Berichterstattung gar nicht mehr: Was oben als wesentliches Merkmal für seriösen Journalismus benannt wurde, hat eine unreflektierte Praxis aus dem Bewusstsein gelöscht - ein mehr als zweifelhafter „Erfolg“. Zur Ideologie verkommen, wirkt Gendern in der Praxis wie ein Filter: Es verhindert jeden Zweifel, lässt sachlich-differenzierte Wahrnehmung und Vermittlung der Realität gar nicht mehr zu.

An Verschwörungstheorien - auch sie weitgehend Import US-amerikanischen Kulturkampfes - ist solche Wirkung in extremer Weise zu beobachten: Ihre Anhänger schließen sich in ihrer, von Ideologie bestimmten, „Filterblase“ ein, und die logische Folge ist Realitätsverlust.

 

    Die Gendern-Bewegung befeuert so radikal-sektiererische Gesellschaftskritik, indem sie polarisierende Menschenbilder aufgreift und auf deutsche Verhältnisse überträgt.

So wird deutlich, was Nele Pollatschek mit der Aussage meint, dass Deutschland „von Genitalien besessen“ sei: Besessenheit ist ein Zustand, der nüchternen Zugang zur Realität blockiert. 12 In anderen Worten: durch Überflutung mit sexistischen Assoziationen in einem Subtext betreibt die Gendern-Praxis das Gegenteil dessen, was sie vorgibt.

   

 

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  9  „Das Deutsche als Männersprache“, (S. 11)

In ihrem Traktat führt Luise Pusch unter anderem ihre Gemeinde tief in den Bereich der Pathologie und verlässt so den Rahmen einer sinnvollen rationalen Auseinandersetzung. Sie beabsichtigt eine „Großaktion ‚Rettet das Femininum‘“ und benennt sogleich ihre Strategie: „Wie lässt es (das Femininum) sich am besten retten, wiederbeleben und weithin verbreiten? Natürlich durch eine gezielte Allergie gegen das Maskulinum.“

    Etwas später (S. 38), im Pluralis Majestatis, der ihr erlaubt, sich selbst als Verkörperung der Frauen schlechthin zu gebärden, führt sie aus: „Wir wollen angesprochen und explizit benannt werden, um sicher gehen zu können, dass auch an uns gedacht wurde.“

Diese Sammlung von „Aufsätzen“ wurde zwischen 1980 und 1984 verfasst, also zu einer Zeit der Gegenreaktionen auf die Studentenbewegung, die sich in eine Vielzahl sektenähnlicher Gruppierungen aufspalten hatte. Ihr sektiererischer Geist, verbunden mit messianischem Anspruch, ist an vielen Stellen dieses Traktats zu erkennen.

Fassungslos macht, wie ein solches pseudo-linguistisches Machwerk 37 Jahre später (die 2. Auflage erfolgte 2017) eine Renaissance erfahren und sexistisch gefärbte Denk- und Sprechweisen, besonders im universitären Bereich, prägen konnte. Bei einer rational geführten Auseinandersetzung würde es eher abschreckende Wirkung entfalten.

    Dies aber wäre Gegenstand einer sozialpsychologischen Untersuchung, die natürlich auch Auftauchen und Wirken neuer Gendern-Gurus wie Anatol Stefanowitsch zu berücksichtigen hätte. Der spricht von einem "bahnbrechenden Aufsatz von Luise Pusch", obwohl er als Linguist erkennen müsste, dass ihre höchst verallgemeinernden Schlussfolgerungen auf zahllosen, linguistisch nicht vertretbaren Extrapolationen und Ausflügen in außerlinguistische Bereiche beruhen.         (https://www.tagesspiegel.de/wissen/warum-sprachwandel-notwendig-ist-der-professor-die-professor-das-professor/26155414.html, 3.9.2020)

 

10  Nele Pollatschek spricht von „aufgezwungenem sprachlichem Dauerfrausein" und fasst zusammen: "Gendern ist eine sexistische Praxis, deren Ziel es ist, Sexismus zu bekämpfen." 30.8.2020 - Vgl. Fußnote 7.

 

11   https://www.fr.de/politik/colorado-springs-usa-anschlag-lgbtq-bar-herschel-walker-transgender-midterms-stichwahl-91931082.html, 22.11.2022

 

12    Vgl. Fußnote 10

 

 

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