Werner Engelmann
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3) Echter Feminismus und Differentialismus

 

 

 

 

1.  Diskreditierung der Frauenbewegung statt Kontinuität

 

 

 

Historisch versteht sich die Gendern-Bewegung in Deutschland als Fortsetzung und Krönung der erfolgreichen Frauenbewegung. So behauptet die Gendern-Promotorin Luise Pusch, die fehlende Theorie für diese bereit zu stellen. In Wahrheit aber hängt sie sich an deren Glanz, um eigene Widersprüche zu verschleiern. Und mit ihrer Selbsterhöhung diskreditiert sie zugleich die verdienstvolle ältere Frauenbewegung. 2

 

Der aufopferungsvolle Kampf der Frauenbewegung mündete im Gleichheitsgebot in Artikel 3 des Grundgesetzes: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

   Die Gendern-Bewegung dagegen agiert abgehoben von der Realität. Ihre Behauptung, der nachhinkenden Realisierung des grundgesetzlichen Auftrags auf die Sprünge zu helfen, ist zur bloßen Floskel verkommen:   

Nicht im Traum denkt man daran, selbstkritisch zu überprüfen, wie viele Frauen etwa durch Gendern-Praxis tatsächlich in Vorstandsposten von Dax-Unternehmen gehievt wurden. Wie weit sie bewirkt hat, das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen bei gleicher Arbeit zu beseitigen. 

 

Stattdessen erklärt man die Diskussion über ihre Sinnhaftigkeit, kaum begonnen, für beendet. Es wird nicht mehr diskutiert, es wird exekutiert, wenn nötig, auch diskreditiert: in staatlichen Institutionen, in Medien, Gewerkschaften, Universitäten und mehr und mehr auch in Schulen. 3

     All dies erfolgt nach Vorgaben von Gendern-Promotoren, die gezielt verordnen und spalten. So verkündet Anatol Stefanowitsch schon 2019, "nun sei es Zeit, Vorschriften zu erlassen" und diffamiert zugleich Kritiker. Und am 26.01.2022 fordert er „Gendern als Pflicht für Kitas und Schulen“. 4

 

 

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  2    Das Traktat von Luise Pusch „Das Deutsche als Männersprache“ (Suhrkamp 1984, 2. Aufl. 2017!) ist zu einer Art „Bibel“ der Gendern-Bewegung avanciert. Hier spricht sie der „älteren“ Frauenbewegung Theoriefähigkeit ab und setzt sich selbst als deren „legitime“ Erbin ein, die diese erst zu wahrer Bedeutung führe: „Feminismus ist die Theorie der Frauenbewegung.“ (S. 129-134) So weist sie sich selbst historische Bedeutsamkeit zu. Sie inszeniert sich auch als Begründerin einer „feministischen Linguistik“ und erhebt wissenschaftlichen Anspruch: „Es bedurfte wohl radikalfeministischer Verve, Unbekümmertheit, Subjektivität und entschlossener Parteilichkeit, um zu dieser Auffassung über Sprache zu kommen.“ (S. 10)

Angesichts der Erfahrungen mit „wissenschaftlichem Sozialismus“ und „sozialistischer Parteilichkeit“ stockt hier einem seriösen Wissenschaftler über solcher Art „wissenschaftlichem“ Verständnis der Atem.

 

  3    Bei der Diskussion über ein Video von Alicia Joe zu der Thematik beklagten viele Studentinnen und Studenten, für Nichteinhalten der vorgeschriebenen „Gendersprache“ bei Klausuren mit Punktabzug sanktioniert worden zu sein. (https://www.fr.de/panorama/youtuberin-alicia-joe-geht-mit-video-uebers-gendern-viral-zyx-zr-91228534.html)  - und  (https://www.youtube.com/watch?v=aZaBzeVbLnQ).

Bestätigt wird dies durch Berichte am 06.10.2021 über „Genderpflicht an Bayerns Hochschulen“:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/geschlechtergerechte-sprache-gibt-es-eine-genderpflicht-an-100.html

 

  4      https://mmm.verdi.de/beruf/gendern-frage-von-macht-und-kreativitaet-59523, 3.7.2019 :

„Genderkritik sei weniger politisch motiviert, sondern ‚bei den meisten steckt Frauenfeindlichkeit dahinter‘, denn für die Kritiker sei Gleichberechtigung kein Grundrecht. (…) Es störe, dass nicht mehr der Mann dominiert‘.“

- https://www.stern.de/kultur/politisch-korrekte-sprache-sollte-gendern-pflicht-sein-stern-diskuthek-31548878.html

- Und auf seinem Twitter-Account (@astefanowitsch) fordert Stefanowitsch, Kritiker „auszugrenzen“: „Aber warum sollte die ‚Gendersprache‘ Rücksicht auf Menschen nehmen, die Realitätsverweigerung betreiben?“

 

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2.   Eindimensionales Sprachverständnis und Abstraktion vom  Wesentlichen

 

 

Der Gendern-Ansatz sieht die Ursache verbreiteter „patriarchaler“ Denkmuster im System der Sprache und meint, mit verordnetem Sprachverhalten diese beseitigen zu können. Schon am aktuellen Geschehen zeigt sich aber, dass dieser theoretische Ansatz in die Irre geht.

Denn Sprache spielt bei der aktuellen Herausforderung Europas durch Putins Aggression keine Rolle. Vielmehr wird Europa, von Sprachen- und Kulturvielfalt geprägt, durch gemeinsame, demokratisch fundierte Werte zusammengehalten, sowie durch den gemeinsamen Willen, diese zu verteidigen. Und dies über Sprachengrenzen hinweg.  

Auch ist zweifellos der russischen Sprache das Attribut einer Kultursprache nicht abzuerkennen. Es ist für den Wahn russischer imperialistischer Aggression ebenso wenig verantwortlich wie die deutsche Sprache für den Größen- und Vernichtungswahn des Dritten Reiches schuldig zeichnete.

 

Linguistisch liegt der Gendern-Praxis die „Sapir-Whorf-Hypothese“ zugrunde, welche Wilhelm v. Humboldts Vorstellung vom „Weltbild der Sprache“ zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgreift. Danach präge Sprache an sich das Denken des Menschen. Diese eindimensionale Erklärung gilt in der Linguistik als überholt bzw. widerlegt. Sie blendet den entscheidenden Faktor aus, nämlich das konkrete Handeln, das konstitutiv ist für Spracherwerb und Denken: Im Zuge der Auseinandersetzung mit der jeweils umgebenden Wirklichkeit bilden sich sprachliche Begriffe und Denken heraus. Dies ist eine in Psycholinguistik und ontogenetischer Sprachforschung längst gut belegte Tatsache. 

 

Das heißt konkret: Sprachliche Begriffe schaffen nicht Wirklichkeit, sondern bezeichnen sie. Eine sich verändernde Wirklichkeit verändert auch die Inhalte der Begriffe. Die Menschen interpretieren bereits vorhandene sprachliche Begriffe also neu, füllen diese mit neuen Inhalten, indem sie sich mit der neuen Wirklichkeit aktiv auseinandersetzen

 

    Das grammatische System bleibt dabei erhalten. Die Sprache wird lediglich lexikalisch ergänzt, etwa um neue Erscheinungen (so wie „Computer“) zu bezeichnen.

    Sprache folgt so, freilich mit zeitlichem Abstand, von sich aus der veränderten Wirklichkeit, ohne dass ein äußerer Eingriff nötig wäre.

 

Durch natürliche Sprachentwicklung werden also die Grundfunktionen der Sprache erhalten: einerseits die Realität möglichst differenziert abzubilden, andererseits die Kommunikation in einer Sprachgemeinschaft zu gewährleisten.

Ebenso realisierte sich weibliche Emanzipation historisch durch Kämpfe in der Realität und nicht durch radikale Veränderung von Sprache, welche diese Realität lediglich abbildet.

 

Spracherziehung und Sprachpflege können aber in begrenztem Maß auch einen emanzipatorischen Beitrag leisten, und zwar in zweierlei Hinsicht:

Einerseits, indem man diese Kämpfe thematisiert und Menschen für diese Problematik sensibilisiert. Andererseits, indem man zu präzisem Sprechen und Denken anhält und entsprechend adäquates Verstehen fördert.

 

Wirklich „gendersensibles Sprechen“ realisiert sich, statt durch voluntaristische Veränderung des Sprachsystems, in korrektem, der Situation angemessenem Sprechen und verstehendem Interpretieren.

 

Nicht die ältere Frauenbewegung ist ohne Theorie. Theorielos - um nicht zu sagen hirnlos - agieren vielmehr deren selbsternannte Epigonen in der Gendern-Bewegung.

    

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3.  Universales Menschenbild kontra rückwärtsgewandtem                          „Differentialismus“

 

 

 

In der wirklichen Tradition der Frauenbewegung steht - im Unterschied zur Gendern-Bewegung in Deutschland - die französische Feministin und Philosophin Élisabeth Badinter. Sie vertritt einen universellen Feminismus, betont die Gleichheit der Geschlechter im Sinne der Menschenrechte sowie in rechtlicher, ökonomischer und sozialer Hinsicht. Sie kritisiert scharf den „hasserfüllten“ radikalen Feminismus anglo-amerikanischer Prägung und seine „feministischen Irrtümer“. Dieser hebt, statt auf Gleichheit, auf die „Differenz“ der Geschlechter ab und betreibt so die „Viktimisierung“ der Frau. Er führt zu einem überholten Verständnis „weiblicher Natur“ zurück. 5

 

Vor dem Hintergrund rassistischer Erfahrungen in den  USA  ist  der                            „Differentialismus“  zunächst verständlich. Er entstand als Gegenbewegung zum Rassismus in der Mehrheitsgesellschaft, versucht, das reale Opfer-Dasein schwarzer US-Bürger ins Bewusstsein zu heben.  6

 

 

    Doch die Abbildung realer Verhältnisse schlägt um in rückwärtsgewandte Fiktion. Dies erfolgt, als radikalfeministische Konzepte den Opferstatus von Schwarzen pauschal auf Frauen sowie auf Minderheiten per se projizieren und verallgemeinern.

    Aus verständlicher Reaktion der Opfer auf reale Diskriminierung wird re-aktionäre Ideologie, im Wortsinn wie in historischer Hinsicht.

 

 

    Der echte, universalistische Feminismus von Élisabeth Badinter zieht begrifflich die Konsequenz aus der UN-Menschenrechtserklärung von 1948, der wiederum unendliche Leiderfahrung in Faschismus und zwei Weltkriegen vorausging. Die UN-Deklaration definiert „Menschenrechte“ in Tradition der Aufklärung, nach einem naturrechtlichen Verständnis von allgemein verbindendem Mensch-Sein. Unterschiede wie Geschlecht, Nation, Herkunft, Religion usw. sind zu relativieren, haben hinter dem Verbindenden als gleichberechtigte Menschen zu stehen.

    Die Schriftstellerin Nele Pollatschek bringt es auf den Punkt: 

"Der Weg zu Gleichheit ist Gleichheit." 7

 

 

    Der anglo-amerikanische „feministische Differentialismus“ erklärt dagegen eine vermeintlich grundsätzlich verschiedene „weibliche Natur“ zum Kontrapunkt und Opfer aggressiver „Männlichkeit“. Er verabsolutiert ein einzelnes trennendes Merkmal, die Geschlechtlichkeit, macht es zum allein bestimmenden Kriterium seines dualistischen Menschenbilds. Er zelebriert geradezu dieses weibliche Opfer-Dasein.

    Der „feministische“ Differentialismus ist somit „reaktionär“ im Wortsinn. Und er dokumentiert zugleich sein gebrochenes Verhältnis zum mutigen, aufopferungsvollen und erfolgreichen Kampf der europäischen Frauenbewegung.

 

In paradoxer Weise feiert so patriarchales Denken, mit umgekehrtem Vorzeichen, seine Wieder-Auferstehung, unter dem Label des Kampfes gegen das Patriarchat. Denn vermeintlich „wesensmäßiger“ Dualismus von Männlichkeit und Weiblichkeit stellt auch das Grundprinzip des Patriarchats dar und begründet eine Jahrhunderte dauernde Benachteiligung und auch Unterdrückung von Frauen.

 

Zur historischen Verirrung wird diese Philosophie, intellektualistisch-selbstbezogen und mitleiderheischend, als sie, unter kräftiger Mithilfe von Gendern-Promotoren wie Luise Pusch, in den 10er Jahren dieses Jahrhunderts nach Europa herüberschwappt.

Denn die Gendern-Bewegung löst den an sich schon verallgemeinernden Opfermythos zusätzlich aus dem Kontext des US-amerikanischen Kulturkampfes heraus, der durch Rassismus geprägt ist: Sie überträgt ihn, weiter pauschalisierend, auf Europa und besonders Deutschland.

 

     Solcher Geschlechter-Dualismus überlagert reale Konflikte mit Geschlechterkampf-Attitüde und befeuert Diskriminierung durch „Cancel Culture“, die selbst diskriminiert, während man  Kritikern „Frauenfeindlichkeit“  oder                   „Diskriminierung“ unterstellt. Vorwürfe, die jeden treffen können, der auf ihre Widersprüche hinzuweisen wagt.8

 

Virulent aber wird dies in Krisensituationen, die an sich schon polarisieren.              Äußere Feindbilder nach innen zu tragen, sie auf Menschen anzuwenden, die nah und jederzeit verfügbar sind, dies wird zum Einlasstor für totalitäre Ideologien.   Nicht umsonst ist dies im Putin-Russland von heute geradezu in paradigmatischer Weise beobachten. 

 

 

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  5   „Fausse Route“, Paris 2003. Deutsche Ausgabe: Die Wiederentdeckung der Gleichheit. Schwache Frauen, gefährliche Männer und andere feministische Irrtümer“, 2004

 

  6    Luise Pusch verweist selbst auf diesen Sachverhalt in einem Video-Interview mit dem Literaturhaus Zürich vom April 2021 (https://www.youtube.com/watch?v=GKwuyaTzxTg&t=1216s).

Hier präsentiert sie ihr größenwahnsinniges Projekt, radikale Umgestaltung der deutschen Sprache für mindestens 100 Jahre, "damit die Männer sich daran gewöhnen, dass es auch Frauen gibt". Hier kostet sie ihren Überlegenheitsdünkel aus, entlarvt dabei ihr Ziel, Diskriminierung von Frauen zu bekämpfen, die nur „mit-gemeint“ seien, als pure Heuchelei: "Natürlich ist es viel zu lästig, die Männer immer mit zu erwähnen."

Aufschlussreich ist, dass solcher Unfug gerade in der Schweiz Beachtung erfährt, wo erst 1971, als letztem Land in Europa, Frauenwahlrecht durchgesetzt wurde. Und im Kanton Appenzell musste die Akzeptanz erst durch richterliches Urteil erzwungen werden. Luise Pusch hatte einmal an der Uni Konstanz gelehrt und geforscht. Ihre plötzliche Wendung zur „radikalen Feministin“ ist eng mit dem extrem langen Verharren der Schweiz in patriarchalen Denkweisen verbunden. Dies spiegelt sich in ihrem Traktat „Das Deutsche als Männersprache“ wider: Sie projiziert persönliche Auseinandersetzungen auf „die deutsche Sprache“ und steigert sich in die Rolle einer Jahrtausend-Reformerin hinein.

 

 

  7   https://www.tagesspiegel.de/kultur/deutschland-ist-besessen-von-genitalien-gendern-macht-diediskriminierung-nur-noch-schlimmer/26140402.html

 

  8    Ein Beispiel, wie „Cancel Culture“ dazu benutzt werden kann, um innerparteiliche Spaltung zu befördern, zeigt das Kesseltreiben gegen Wolfgang Thierse, dem ehemaligen Bundestagspräsidenten der SPD, ausgelöst durch dessen Bedenken gegen Auswüchse der „Identitätspolitik“, die auch von Gendern-Fans betrieben wird. Dazu sei auf die oben (Fußnote 1) aufgeführte Analyse auf der Website von Werner Engelmann verwiesen, Stichwort „FR-Kommentare“Identitäre Ideologie und ‚Sichtbarkeit‘ in der Gendern-Bewegung“, Teil I,1, S.4

 

 

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