Werner Engelmann
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Identitäre Ideologie
und "Sichtbarkeit" in der Gendern-Bewegung


Ideologiekritische politische Analyse

 

Teil 2

 

II. Kleine Kulturgeschichte der öffentlichen "Sichtbarkeit"

 


1. Geschichtsschreibung und Sozialgeschichte

 


"Denn die einen sind im Dunkeln, und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte. Die im Dunkeln sieht man nicht."

So lautet ein berühmter Song aus Bert Brechts "Dreigroschenoper".


Und im Gedicht "Fragen eines lesenden Arbeiters" behandelt Brecht die Thematik anhand
rhetorischer Fragen:
"Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?"


So zeigt Brecht die über Jahrhunderte andauernde Diskrepanz zwischen traditioneller
Geschichtsschreibung und realer Geschichte auf.


Um sich dieser Diskrepanz bewusst zu werden, bedurfte es eines Karl Marx. Der kommentiert in
"Die deutsche Ideologie" kurz und knapp:
"Die herrschenden Gedanken sind die Gedanken der Herrschenden."
Und im "Kommunistischen Manifest" stellt er fest:
"Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen."


Erst auf der Grundlage dieser Erkenntnisse konnte sich eine Sozialgeschichte etablieren, die den Blick
auf das reale Geschehen aus der Sicht der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung und auf deren
Probleme wirft, statt ihn auf die Herrschenden zu beschränken.


Und Beschäftigung mit Sozialgeschichte macht einen weiteren grundlegenden Irrtum der
"feministischen Linguistik" und der darauf aufbauenden Gendern-Bewegung deutlich:


Öffentliche "Sichtbarkeit" ist nicht primär eine Frage der Sprache. Sie ist eine Frage der
Machtverhältnisse und der gesellschaftlichen Bedingungen sowie deren Interpretation .

Und wie eine Interpretation ausfällt, hängt wesentlich vom Erkenntnisinteresse des Interpreten ab,
und damit davon, auf wen er den Fokus und das "Licht" seiner Erkenntnis richtet.


Die "feministische Linguistik" ist mit einer sehr einseitigen Interpretation von Geschichte verknüpft.
Sicher ist es legitim, dass sie den Blick auf Befindlichkeiten von Frauen richtet und deren Sicht
einnimmt.
Nicht "legitim" im Sinne wissenschaftlicher Seriosität ist aber, dass sie alles andere ausblendet und,
ausgehend von ihrem sehr eingeschränkten Blickwinkel, problematische Extrapolationen und
Verallgemeinerungen vornimmt.
Sie reduziert quasi die gesamte Geschichte auf die Geschlechterfrage, verliert entscheidendere
soziale Fragen aus dem Blick, ebenso wie die des Verhältnisses sozialer Schichten bzw. Klassen zu
den realen Machthabern.


In dem Maße, in dem "feministische Linguistik" eine Interpretation von Geschichte impliziert, erweist
es sich als notwendig, ihr andere Interpretationen entgegenzustellen und die Gendern-Bewegung in
den historischen Prozess einzuordnen.

 


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2. Repräsentation, öffentliche Sichtbarkeit und Frauenbild

    vom Mittelalter bis zum Barock

 


Sozialgeschichte nimmt, statt sich auf die Herrschenden zu beschränken, die soziale und politische
Schichtung der Gesellschaft und deren Veränderungen in den Blick.


Die feudale Gesellschaft des Mittelalters ist durch eine rigide, im Prinzip undurchlässige
"Lehns-Pyramide" bestimmt: Eine sehr kleine herrschende Schicht des Adels und des Klerus wird
gestützt durch eine zahlenmäßig geringe und abhängige Schicht von "Ministerialen" - den Beamten
moderner Gesellschaften vergleichbar. Diese Spitze der Lehns-Pyramide wird, mittels direktem
Zwang, ökonomisch ausgehalten durch eine breite Basis, bestehend aus der überwältigenden
Mehrheit der Bevölkerung, vorwiegend unfreie, tributpflichtige Bauern.


Die Geschlechterfrage spielt in sozialer Hinsicht eine vergleichsweise geringe Rolle. Von Bedeutung
ist sie lediglich indirekt durch die Trennung von öffentlicher und privater Sphäre. Die öffentliche
Sphäre ist im Wesentlichen Männern vorbehalten, Frauen sind in der Regel auf den häuslichen
Bereich beschränkt.


Dabei gibt es aber, vor allem im religiösen Bereich, nicht wenige Beispiele einflussreicher Äbtissinnen
bzw. bemerkenswerter Frauengestalten. Dazu sei etwa Hildegard von Bingen erwähnt, die im 12.
Jahrhundert zu einer bedeutenden Kirchenlehrerin aufstieg, oder das breite soziale Wirken von
Katharina von Bora, einer von Martin Luther 1525 geehelichten ehemaligen Nonne.


Die ausschließliche Betrachtung unter dem Blickwinkel des "Patriarchats" ist nicht nur unpräzise und
verallgemeinernd. Indem der Dualismus von Mann und Frau als faktisch allein bestimmendes
Merkmal angesehen wird, geht dies auch an der sozialen Realität und am Wesen des Feudalismus
vorbei.


Die Frage der öffentlichen "Sichtbarkeit" spielt in der feudalen Gesellschaft wohl eine Rolle, aber nur
für die oberste Schicht. Die gewaltige Masse der unfreien Bauern, ob Mann oder Frau, bleibt
während der gesamten Epoche - dem Song von Bert Brecht entsprechend - "im Dunkeln" und damit
"unsichtbar".


"Unsichtbarkeit" auf Frauen zu reduzieren, wie Luise Pusch es tut, ist schlicht eine historische
Verfälschung. Und abwegig erscheint hier ihre Behauptung von einer "Herrensprache" in einer
"Herrenkultur", die vorwiegend auf "die sprachliche Vernichtung der Frau" abziele. 1


Nach der Analyse von Jürgen Habermas vertreten die Fürsten im feudalen Mittelalter nicht das Land:
Sie "sind" das Land: "Sie repräsentieren ihre Herrschaft, statt für das Volk, 'vor' dem Volk." 2


Mit anderen Worten: repräsentative "Sichtbarkeit" diente zuvörderst der Einschüchterung des
Volkes und der Aufrechterhaltung der feudalen Macht.
Sie ergänzte und verstärkte die Anwendung
äußerer Gewalt. Dies unterscheidet den Feudalismus vom Kapitalismus, dessen Gewaltanwendung
primär strukturell bedingt ist.


Dieses Prinzip feudaler Herrschaft bestimmte das gesamte Mittelalter bis zum Barock.
Im Absolutismus zeigte es sich sogar in "absolutistischer" Form, auch noch kulturell überhöht. Dies
machte die Strahlkraft des französischen Absolutismus auf ganz Europa aus: "In der Etikette Ludwig
XIV. erreicht repräsentative Öffentlichkeit die raffinierte Pointe ihrer höfischen Konzentration."
3
Hier durchdringt die höfische repräsentative "Sichtbarkeit" alle Bereiche. Mit der Verbreitung der
klassischen französischen Tragödie eines Corneille oder Racine wird höfische französische Kultur zum

Inbegriff der Kultur schlechthin.


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Das hat auch Auswirkungen auf die französische Sprache bis heute, die - im Unterschied zum
Deutschen - seit der Gründung der "Académie Française" streng reglementiert wird: im Absolutismus
im Sinne des Geschmacks und der Bedürfnisse des Hofes, heute durch nationale "Geistesgrößen",
nach ihrem Tod oft aufgenommen im Ehrentempel des "Panthéon".


Auf diese Weise begründet Sprache zwar nicht feudales Denken resp. das Selbstverständnis
kulturell dominierender Kreise, sie transportiert und verfestigt es aber.


Diese anziehende Wirkung von "Repräsentation" neben der Funktion der Einschüchterung hatte sich
schon im Hochmittelalter herausgebildet:
Mit dem Aufstieg einer neuen Gesellschaftsschicht kam "Repräsentation" zunehmend eine zweite
Funktion zu: diesen Aufstieg öffentlich sichtbar zu machen.


So versuchten insbesondere die "Ministerialen" durch besondere Anpassung an den Lehnsherrn,
später auch durch Kauf von Adelspatenten, in die Schicht des "Adels" aufzusteigen.
Diese Ministerialen stellten auch die tragende Schicht der "Ritterkultur" dar, die sich um die Mitte
des 11. Jahrhunderts, parallel zu den beginnenden Kreuzzügen, in Europa herausbildete.


Diese in weiten Teilen Europas verbreitete "Ritterkultur" ist durchaus als zivilisatorische
Errungenschaft anzusehen. Sie führte zu kultureller Verfeinerung durch Verbreitung normativer
"Rittertugenden", zu denen etwa auch "milte", also Mildtätigkeit gegenüber nieder Gestellten
gehörte. Im Wort "ritterlich" hat sich diese Bedeutung bis heute erhalten.


In dieses kulturelle System ist auch die Sprache eingebunden, und die Kultur spiegelt sich auch in der
Sprache wieder.


In diesem Zusammenhang bildet sich mit dem Minnesang, von etwa 1150-1250, ein in der
Geschichte einmaliges Frauenbild heraus:
Hierbei wendet sich der Minnesänger an eine verehrte "frouwe". Damit ist ursprünglich aber nicht
die "Frau" gemeint, sondern die "Herrin", also die Gattin des Lehnsherrn. Sie diente den
Minnesängern als Türöffner: Indem sie ihr mit Lobliedern schmeichelten, hofften sie auf ihre
Fürsprache beim Lehnsherrn, damit der die ritterliche Tugend der "milte" zeige und den
Minnesänger durch eine "Gabe" belohne, möglichst in Form eines "Lehens", das dessen soziale
Existenz absichern würde.


Dieses Konzept der "Hohen Minne" (bis ca. 1230) wandelte sich mit Reinmar und Walther von der
Vogelweide zur "Niederen Minne": Sie buhlten in ihrer Spätzeit nicht mehr um die Gunst der
"Herrin", sondern verehrten die Frau ("wip") als Frau. Der "Herrinnen-Dienst" des Minnesangs
wandelte sich zu echter Liebeslyrik.


Diese veränderte kulturelle Einstellung zog auch eine sprachliche Veränderung nach sich:
Die ursprüngliche "frouwe" (für Herrin) wurde zur Geschlechtsbezeichnung und verdrängte das Wort
"wip"
(Weib). Dieses wiederum nahm teilweise pejorative Bedeutung an.
Dies hat sich bis heute erhalten. Während heute "fraulich" positiv konnotiert ist, spalten sich
Ableitungen von "Weib" auf in ein neutrales Geschlechtsmerkmal ("weiblich") einerseits und eine
abwertende Bedeutung ("weibisch") - meist bezogen auf "unmännliches" Verhalten - andererseits.
Ergänzt wird dieses neue System weiblicher Benennung und Konnotation durch das Wort "Dame":
Aus lateinisch "domina" (Herrin) entstanden, ersetzt es weitgehend die vorherige Bedeutung von

"frouwe". Mit dem Unterschied, dass nun nicht mehr vorrangig eine soziale Stellung markiert wird,
sondern mehr eine respektgebietende persönliche Eigenschaft.


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Diese Bedeutungsverschiebungen sind dadurch bedingt, dass aufstrebende Gesellschaftsschichten
Bedeutungen, die "edle" Herkunft markierten, auf sich selbst beziehen und damit vulgarisieren.
Und zugleich grenzen sie sich gegen untere und nachrückende Schichten ab. Und dazu bedürfen sie
eines Wortschatzes, der ihre Verachtung ausdrückt, der ehemals neutralen Bedeutungen wie "Weib"
- teilweise - einen pejorativen Stempel aufdrückt.


Das Movens für gesellschaftliche und sprachliche Veränderungen ist also in ökonomischen und
sozialen Veränderungen zu suchen
, wie hier in Aufstiegsambitionen.


Für sich verändernde Konnotationen, also sprachlich fixierte Bewertungen, ist demnach nicht das
Sprachsystem maßgebend, wie Luise Pusch fälschlicherweise behauptet, sondern die soziale
Einstellung der jeweils dominierenden Schichten, z.B. ihr Bedürfnis auf Abgrenzung nach "unten".


Dieses Phänomen des Aufstiegs sozialer Schichten und damit einhergehender sprachlicher
Veränderung als wesentliche Triebfeder für Sprachveränderung bekommt eine "feministische
Linguistik"
nicht einmal ansatzweise in den Blick.

Denn sie arbeitet mit pauschaler Abgrenzung zum "Patriarchat" im Sinn eines Dualismus von
Mann und Frau, und versäumt die Auseinandersetzung mit der konkreten Sozial- und
Kulturgeschichte.
So kommt sie auch zu der falschen Einschätzung, gesellschaftliche Benachteiligung von Frauen sei
vorrangig durch das Sprachsystem bedingt.


Und auch die Behauptung genereller "Unsichtbarkeit" von Frauen geht in die Irre.
Denn "Unsichtbarkeit" ist eine soziale Kategorie: Auf der zahlenmäßig weit überwiegenden Basis der
Lehns-Pyramide kennzeichnet sie Männer und Frauen faktisch in gleichem Maße.
Und wenn andererseits von aufsteigenden Schichten ein bereits errungener neuer Status sprachlich
und damit öffentlich "sichtbar" gemacht wird, dann profitieren davon auch Frauen.
Das Prinzip höfischer "Repräsentation", der demonstrativen Abgrenzung nach unten, wird dabei
lediglich etwas verbreitert.
Das Prinzip des Ständestaats und damit auch die Funktion von öffentlicher "Sichtbarkeit" wird aber
nicht angetastet.


Die hier aufgeführten Belege sind Beispiele für eine natürliche, nachhaltige Sprachveränderung,
zurückzuführen vor allem auf soziale gesellschaftliche Umschichtungen.
Der willkürliche Eingriff in ein grammatisches System, wie ihn die Gendern-Bewegung vornimmt, hat
damit nichts zu tun. Er ist nicht durch Verweis auf stete Sprachveränderung zu rechtfertigen.


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Anmerkungen:


1 Das Deutsche als Männersprache, S. 11
2 Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, Habilitationsschrift, Luchterhand-Verl., 1962
(61974), S. 20
3 Ebd., S. 23

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3. Sprache in einer von Diversität geprägten Gesellschaft -
    von Hilflosigkeit und Selbsttäuschung "feministischer Linguistik"

 

 


Welche Bedeutung sozialhistorischen sowie etymologischen Untersuchungen der vorliegenden Art
zukommt, wird nicht zuletzt an den Fehlern und irrigen Pauschalurteilen der "feministischen
Linguistik"
deutlich.


Danach verwundert es auch nicht mehr, wenn sich Luise Pusch mit sozialgeschichtlich leicht zu
erklärenden Befunden sehr schwer tut.
So nimmt sie im Aufsatz "Das vibrierende Weib" Bezug auf unterschiedliche Bedeutungen für
Ableitungen von "Weib" und behauptet allen Ernstes:
"Die Verwirrung stifte nicht etwa ich, sondern sie ist System. Die deutsche Sprache als Frauen-
Verwirr-System".
1


Hier zeigt sich schlicht Hilflosigkeit einer Linguistin, welche den Weg seriöser Linguistik verlassen hat.
Und wo konkrete historische Forschung durch Spekulation ersetzt wird, da muss eigene
Voreingenommenheit auf "die Sprache" projiziert werden.
Dabei waren soziolinguistische Sprachforschungen bereits Anfang der 70er Jahre des letzten
Jahrhunderts schon recht weit gediehen und auch praktische Folgerungen daraus fanden bereits
breite Anwendung, so etwa in Form "kompensatorischer Spracherziehung" in Kindergärten und
Vorschulen für Kinder aus sozial benachteiligten Schichten.


Der Grund für Luise Puschs Hilflosigkeit ist für einen Linguisten leicht zu erkennen:
Sie reißt fast durchgehend Sätze aus ihrem Kontext, um verallgemeinernde Aussagen über das
Sprachsystem zu "belegen", passt also selektiv ihr Sprachverständnis ihren Vorurteilen an.
Und sie ignoriert die Bedeutung des jeweiligen Sprechers und dessen sozialen Milieus für die
Interpretation. Und diese können wiederum nur im konkreten Kontext ermittelt werden.


Für die linguistische Pragmatik, die Semantik und Syntax übergreift, ist es aber selbstverständlich,
sprachliche Befunde in den gesellschaftlichen Kontext einzubetten und sozialen Bedingungen der
jeweiligen Sprecher nachzugehen, um Bedeutungen korrekt zu erfassen.


Bei Luise Pusch weicht jedoch das Prinzip der Deskription einem normativen Verständnis von
Linguistik. Und sie ernennt sich selbst zur normativen Instanz, die über Sprachgebrauch zu urteilen
habe.
Die Ursachen für ihre Fehldeutungen sind aus linguistischer Sicht prinzipieller Art, bedingt
durch grundsätzliche methodische Fehler einerseits bzw. einer überall durchscheinenden
ideologischen Grundeinstellung andererseits.


So etwa behauptet sie in dem genannten Aufsatz, das Wort "Weib" werde höchstens noch "als
Schimpfwort"
gebraucht.
Das trifft nun mit Sicherheit nicht für die 2. Strophe der Europahymne "An die Freude" nach dem
Text von Schiller zu, wo es heißt:
"Wer ein holdes Weib errungen, mische seinen Jubel ein."
Und ebenso wenig ist es als "Schimpfwort" gemeint, wenn jemand leicht ironisierend "mein holdes
Weib"
sagt, wenn er seine Frau liebevoll anredet oder sie andern vorstellt.


Die Vielfalt der Verwendung und unterschiedliche Möglichkeiten der Interpretation interessieren
eine Luise Pusch aber wenig. Ihr geht es um die Bestätigung einer vorab gegebenen ideologischen
Einstellung.

23

So stellt sie zum "Beleg" des eben genannten Beispiels den männlichen Bezeichnungen "Mann" und
"Herr" die weiblichen "Frau", "Dame" und "Weib" gegenüber. Und sie stellt dabei verdutzt fest, dass
hier auf weiblicher Seite ein ihrer Meinung nach überflüssiges, die Gleichberechtigung störendes
Wort "Weib" existiert. 2 Ihrer Ideologie von der "deutschen Herrensprache" entsprechend kann das
also nur in abwertendem Sinn gemeint sein. Die oben genannten positiven Bewertungen dürfen also
schlicht nicht existieren: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.


Falsche Schlussfolgerungen können sich auch ergeben, wenn etymologische Entwicklung oder
regional geprägte Einflüsse ignoriert werden:
So etwa führt das Duden Herkunftswörterbuch 3 unter der Bedeutung "dämlich" einen Bezug zu
niederländisch "dämelen" (nicht recht bei Sinnen sein) wie auch zum bayrisch-schwäbischen Wort
"damisch" (berauscht) auf. Es ist also gar kein Bezug zum Wort "Dame" gegeben. Vielmehr handelt
es sich hier um ein Homonym (ein zufällig gleichlautendes Wort mit anderer Bedeutung).
Zusätzlich lassen sich soziologische und ideologische Zusammenhänge aufzeigen, wenn etwa
"dämlich" im Kontrast zu "herrlich" gebraucht wird.


Als "wirr" erweist sich nicht das deutsche Sprachsystem. Vielmehr ist die "Verwirrung" der Luise
Pusch
darauf zurückzuführen, dass sie konkrete Kontexte und soziale Bedingungen ignoriert.

 


Die Vielfalt einer natürlichen Sprache, die im Zuge ihrer Veränderung notwendigerweise auch
gewisse "Ungereimtheiten" aufweist, ist geprägt durch die Vielfalt einer Sprachgemeinschaft:
In dieser leben unterschiedliche soziale Schichten mit unterschiedlichen Wertvorstellungen
nebeneinander, wobei sich in diesen auch unterschiedliche historische Zustände wiederspiegeln
können. Und alle bedienen sich des gleichen Wortschatzes, verbinden damit aber unterschiedliche
Inhalte und Wertungen.

Ebenso bewahrt jede Gegenwart unterschiedliche Zustände der Vergangenheit in sich.


Und jedes Land und jede Sprachgemeinschaft ist durch Diversität und Vielfalt geprägt:
Sie nehmen unterschiedliche soziale, ethnische, religiöse, kulturelle Gemeinschaften in sich auf. Und
jede dieser Gruppierungen oder Gemeinschaften ist für sich gesehen eine Minderheit.


Demokraten, für die Toleranz zu den wesentlichen Grundeinstellungen gehört, können damit leben
und umgehen. Sie sehen dies als Bereicherung an, erkennen darin ein positives Moment, das
Entwicklungen fördert und vorantreibt.
Es bleibt Rassisten und engstirnigen Nationalisten vorbehalten, dagegen Sturm zu laufen und den
Wahn homogener, ethnisch "reiner" Gesellschaften zu verbreiten.


Sprache als wertvollstes Instrument der Kommunikation verbindet diese unterschiedlichsten
Tendenzen. Sie bietet allen ein gemeinsames "Zuhause", indem sie den verschiedenen
Diversitäten Rechnung trägt, unterschiedliche Ausprägungen in einer gemeinsamen Kultursprache
zulässt - bisweilen auch auf Kosten mangelnder "Logik"

.
Die unterschiedliche Einstellung oder Bewertung von Männern und Frauen, die sich auch sprachlich
niederschlagen kann, ist nur eine dieser vielfachen Diversitäten.
Eine gemeinsame Kultursprache bietet die Möglichkeit für alle, je nach Situation und Kontext, für
eigene Befindlichkeiten den jeweils passenden Ausdruck zu finden.


Keine der Minderheiten, die in ihrer Gesamtheit eine Sprachgemeinschaft ausmachen, kann aber für
sich allein in Anspruch nehmen, im Namen der Gemeinschaft überhaupt zu sprechen, Regeln für
öffentliche Kommunikation vorzugeben oder zu verändern.


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Daher verbietet es sich, die Möglichkeiten, die Sprache bietet, zu einer Dauerpräsenz für nur eine
von vielen Identitätsmerkmalen auszuweiten, wie es die Gendern-Bewegung versucht.

Indem sie die Dauerpräsenz von Geschlechterbenennung in der Öffentlichkeit allen anderen
aufzwingt, erweist sie ihren fundamentalistisch-doktrinären Charakter. Und indem anderen, etwa
ethnischen Diversitäten die gleiche Dauerpräsenz verweigert wird, zeigt sich hier auch mangelnder
Respekt und fehlende Toleranz.

 


Festzuhalten ist als Resümee der historisch-soziologischen Analyse vor allem Dreierlei:


Erstens:


Der Charakter "der Sprache" per se kann generalisierend und geschichtsübergreifend gar nicht
definiert werden.

In einem dynamischen Prozess offenbaren sich verschiedene Sprachzustände, die regional (als
Dialekte), historisch (in etymologischer Hinsicht) wie auch schichtenspezifisch differenziert werden
müssen.
Die in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts beginnenden Untersuchungen zu spezifischen
Merkmalen von "Frauensprache" und "Männersprache" stellen lediglich einen kleinen und eng
begrenzten Bereich der vielfältigen linguistischen Forschungen dar.
Bei dem genannten Prozess der Sprachveränderung bilden sich in verschiedenen gesellschaftlichen
Formationen bestimmte sprachliche Merkmale jeweils neu heraus.
Verallgemeinernd könnte man sagen: Jede Generation eignet sich, in Auseinandersetzung mit der
jeweiligen Gesellschaft und Umwelt die Sprache jeweils neu an
, schafft sie sich in gewissem Sinne
neu.


Welche Bedeutung dies für den Prozess des Spracherwerbs und damit auch für nachhaltige
Sprachentwicklung hat - im Unterschied zu willkürlicher wie durch die Gendern-Bewegung -, das wird
in der entsprechenden Analyse zur Sprachentwicklung zu thematisieren sein.


Zweitens:


"Natürlicher", also nachhaltiger Sprachwandel ging - zumindest im deutschen Sprachraum -
generell aus Veränderungen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit hervor, meist aufgrund von
sozialen Umschichtungen. Sprachveränderung vollzog immer nur eine Veränderung der sozialen und
kulturellen Wirklichkeit nach, die schon vorausgegangen war.


Zwischen "natürlicher" und nachhaltiger Sprachveränderung als Anpassung an gegebene
gesellschaftliche Veränderungen einerseits und einem willkürlichen Eingriff in das Sprachsystem
andererseits, wie es die Gendern-Bewegung praktiziert, besteht also ein elementarer Unterschied.
Einen solchen hat es in der deutschen Sprachgeschichte in dieser Weise auch noch nie gegeben.


Versuche gezielter Sprachmanipulation als Mittel der Verschleierung bzw. der Formierung des
Denkens kennzeichnen zwei totalitäre Systeme, und diese waren nicht von Dauer. Und selbst die
beschränkten sich auf die Lexik und tasteten das grammatische System nicht an.


Der geradezu gebetsmühlenhaft wiederholte Hinweis auf ständige Sprachveränderung als
Legitimation für Gendern geht also an der Sache vorbei.


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Drittens:


Die Forderung nach öffentlicher "Sichtbarkeit" der Geschlechter immer und überall ist vergleichbar
mit feudaler "Repräsentation" als einem Mittel der Repression.
In ähnlicher Weise dient sie dazu, die Zugehörigkeit zu einer sich besonders "fortschrittlich"
dünkenden "Bewegung", als "Spitze" der Gesellschaft, demonstrativ "sichtbar" zu machen.
Ebenso dient sie der Einschüchterung aller, die sich dieser nicht zugehörig fühlen oder erachtet
werden. Diese fühlen sich nicht nur bevormundet, sondern auch - zu Recht - ihrer eigenen Sprache
und damit eines wesentlichen Teils ihres Selbst beraubt.

Wolfgang Thierse 4 führt in dem genannten Interview eine Vielzahl von Zuschriften auf, die eben dies
bestätigen.


In diesem Sinne wirkt die Gendern-Bewegung nicht nur spalterisch und gefährdet den
gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie offenbart - im Gegensatz zu Selbstverständnis und
Verlautbarungen - auch einen verinnerlichten autoritären Geist.


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Anmerkungen:


1 Das Deutsche als Männersprache, S. 165
2 Ebd.
3 Band 10, Mannheim 1970
4 Vgl. Teil I, 1, Anmerkung 1

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