Werner Engelmann
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Werner Engelmann:

 

Gendern, "politisch korrekte Sprache"

und Moral

 

Zum Gendern-Promotor Anatol Stefanowitsch

als Moralisten

 

 

 

 

Der Anglist und Linguist Anatol Stefanowitsch ist vor allem als Promotor der Gendern-Bewegung hervorgetreten. Auf sich aufmerksam gemacht hat er aber auf einem anderen Gebiet: der Moral.

Zur Leipziger Buchmesse 2018 warf er beim Duden-Verlag eine 67 Seiten dünne "Streitschrift" auf den Markt, mit dem Titel: "Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen".

Und mit ähnlichem Tenor folgte am 12. Februar 2020 an der Freien Universität Berlin im Rahmen einer Ringvorlesung ein Vortrag mit dem Titel "Gerechte Sprache als moralische Pflicht".

 

Welch große Worte! - denkt man an Moraltheologie, Moralphilosophie oder Rechtsphilosophie und zwei Jahrtausende Diskussionen um "Moral".

 

Da ist schon die Frage angebracht, welche "Moral" hier denn nun konkret gemeint sei, worin sich die postulierte "moralische Pflicht" begründe und was Sprache damit zu tun habe.

 

Diesen Fragen wird im Folgenden anhand verschiedener Ansätze nachgegangen: in historischer Hinsicht (I), anhand von Rezeptionen (II), hinsichtlich der Glaubwürdigkeit (III) und der Bedeutung von "Moral" (IV).

 

 

 

Überblick:

 

Teil I:     -  Aufklärerisches Erbe und "Gerechte Sprache als moralische Pflicht"

 

Teil II:    - Rezensionen zu "Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen"

 

Teil III:   - Moral, "gerechte Sprache" und Glaubwürdigkeit

 

Teil IV:   - Moral und Wirklichkeit    

 

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Teil I - Aufklärerisches Erbe und "Gerechte Sprache als moralische Pflicht"

 

 

Betreffend die historische Perspektive sei zunächst auf den Vortrag aus dem Jahr 2020 eingegangen.

Die Vorlesungsreihe war explizit auf einen historischen Vergleich angelegt, konkret anhand der Person des Aufklärers Freiherr (von) Knigge 1 und seiner Schrift "Über den Umgang mit Menschen" von 1788, seit dem 19. Jahrhundert trivialisiert zu bloßen "Benimmregeln".

 

Nun hat sich in der Germanistik seit der Studentenbewegung 1968 die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein Verständnis historischer Werke, mehr noch der Versuch ihrer Aktualisierung, nicht adäquat möglich ist, ohne den Kontext des jeweiligen Zeithintergrunds zu berücksichtigen.

Dazu aber gibt es in dem Vortrag von Anatol Stefanowitsch nicht ein Wort.

Er stellt willkürlich eine Analogie zwischen der aktuellen Diskussion über "Political Correctness" und dem aufklärerischen Begriff von "Moral" im Werk des Freiherrn (von) Knigge her, ohne auch nur ansatzweise auf dessen historische Bedeutung einzugehen.

 

Wurde vom Vatikan 1820 versucht, das Werk des "gefährlichen" Aufklärers, Mitglied der "Freimaurerloge" und des "Illuminatenordens", auf den Index zu setzen 2 , so ist hier umgekehrt der Versuch erkennbar, sich selbst und die Gendern-Bewegung in eine direkte Traditionslinie zur Aufklärung zu stellen, für die auch der Freiherr (von) Knigge steht.

Grund genug, diese Konzeption zu hinterfragen und dazu die zeitgenössische Bedeutung von "Moral" zu erarbeiten.

 

Die Begriffe "Moral" und "Erziehung" sind im aufklärerischen Denken von zentraler Bedeutung, nicht nur für Lessing, Schiller oder Goethe.

 

So führt Lessing in der Schrift  "Erziehung des Menschengeschlechts" 3 eine erbitterte Fehde mit dem Dogmatismus eines Hauptpastors Goeze. Und in "Nathan der Weise" stellt er diesem das Prinzip religiöser Toleranz entgegen.

 

Und Schiller veröffentlicht einen Vortrag von 1784 - 5 Jahre vor der Französischen Revolution - unter dem Titel "Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet".

Die moralische Wirkung seines Theaters besteht danach darin, "einer Empfindung Raum" zu geben,

"ein Mensch zu seyn." 4

 

Bei beiden wird ein Konzept humanitärer Erziehung skizziert, dessen revolutionärer Charakter zunächst in der scharfen Abgrenzung gegenüber feudalhöfischer "Amoral" erkennbar wird.

Und zugleich erscheint dies als Vorgriff auf die "universale Erklärung der Menschenrechte", aktualisiert in der heutigen Europahymne - deren Text aus der Ode "An die Freude" von Schiller stammt: "Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt..." 5

 

Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, welcher Preis im unerbittlichen Kampf gegen eine überkommene, höchst ungerechte feudale Gesellschaftsordnung zu bezahlen war.  

So konnte sich Schiller der Allmacht des Herzogs Karl Eugen von Württemberg im Jahr 1782 nur durch nächtliche Flucht ins kurpfälzische Mannheim entziehen. Und der - so erfahren wir in "Kabale und Liebe" - hatte nicht gezögert, seine eigenen Landeskinder als Sklaven für den Kriegsdienst im Bürgerkrieg in der "Neuen Welt" zu verkaufen.

 

Und selbst ein künftiger Herrscher, Friedrich II., aufklärerischen Gedanken zugeneigt, erfuhr als  junger Mensch die Macht und Willkür seines Vaters in ganzer Brutalität: Nachdem der Versuch gescheitert war, sich ihm durch Flucht aus Preußen zu entziehen, wurde er von diesem dazu verurteilt, zu seiner "Belehrung" der Hinrichtung seines besten Freundes beizuwohnen, der ihm dabei behilflich war.

 

Die genannten historischen Umstände und ihre Bedeutung für aufklärerisches Denken hat zu bedenken, wer sich mit geschichtsmächtigem Wirken solcher Art auf eine Stufe stellen will.

Und er sollte sich das Ausmaß an Willkür vor Augen halten, bevor er - wie Herr Stefanowitsch und die Gendern-Bewegung - meint, vorschnell Parallelen ziehen zu können, um sich selbst in der Rolle des vermeintlich großen Aufklärers und Volkserziehers zu erleben.

 

Konkret: In wessen Namen, mit welcher Legitimation sprechen Herr Stefanowitsch und die Gendern-Bewegung sich selbst eine solche "aufklärerische" Rolle zu? Wie begründet sich die behauptete Analogie von "Political Correctness" mit diesem geschichtsmächtigen Prozess? Reicht es, "Moral" für sich zu beanspruchen, um einen Zipfel davon zu erhaschen und auf sich selbst zu lenken?

 

 

Inhaltlich versucht Herr Stefanowitsch in seinem Vortrag, eine in Verruf gekommene "Political Correctness" zu rehabilitieren, indem er sie mit dem "erweiterten Höflichkeitsgebot" des Freiherrn (von) Knigge gleichsetzt. Hier wie dort gehe es um "Ablehnung von Diskriminierung".

 

Nun ist Thema der Vorlesungsreihe der "Umgang mit Menschen" aus der Sicht eines Aufklärers. Dafür hat Herr Stefanowitsch aber gerade ein paar Worte in der "Vorrede" übrig. Dann werden minutenlang, scheinbar selbstironisch und mit der Vorgabe, so "Diskriminierung" besser zu erkennen, banale Sätze hin und her analysiert - so wie "Anatol ist ein Kanacke" und "Anatol ist eine Drecksau".

Und von 2000jähriger philosophischer Diskussionen über "Moral" bleibt eine "Goldene  Regel" für "gerechte Sprache" übrig, reduziert auf die Aussage eines Sprichworts, dem Volksmund seit Jahrhunderten bekannt: "Was du nicht willst, dass man dir tu', das füg' auch keinem andern zu."

 

Banalitäten als "legitimes" Erbe einer stolzen aufklärerischen Tradition?

Das "einfache Volk" darf sich für solch umwerfende "Einsichten und Erkenntnisse" bedanken. Vielleicht wird es sich aber auch provoziert fühlen durch die Unterstellung, dazu selbst nicht in der Lage zu sein, erst der Belehrung durch einen hoch dotierten Linguisten zu bedürfen, um zu begreifen, dass "Drecksau" nicht als dem gepflegten deutschen Sprachgebrauch zugehörig anzusehen ist.

 

Bei genauem Hinsehen aber wird auch das Niveau des Volksmunds noch unterboten:

Die "Goldene Regel" des Herrn Stefanowitsch reduziert nämlich zusätzlich das altbekannte Sprichwort in seiner Aussagekraft: Denn hier heißt es, "das füg' auch keinem andern zu", es geht also vor allem um moralisches Handeln. Bei Herrn Stefanowitsch bleibt gerade noch die abgespeckte Version "moralischen" Sprechens übrig, ohne Bezug zum Handeln:

"Spreche über andere nur so, wie du auch willst, dass andere über dich sprechen." 6

 

Der Zusammenhang zwischen Sprechen und Handeln wird also gekappt, und damit auch das entscheidende Kriterium, anhand dessen überprüft werden kann, wie "moralisch" die behauptete "gerechte Sprache" nun wirklich ist.

Eine solche fatale Interpretation hat weitreichende Konsequenzen. Dies rechtfertigt eine getrennte Erörterung dazu in Teil III und IV dieser Analyse.

 

An dieser Stelle sind aber zwei weitere Widersprüche bei den Ausführungen von Herrn Stefanowitsch zur postulierten "gerechten Sprache" zu nennen:

 

Zunächst sei auf die hier vorliegende Personifikation von "Sprache" verwiesen - ein Vorgehen, das auch die "Argumentation" von Luise Pusch durchzieht:

Einer Sprache das Attribut "gerecht" zuzuschreiben, das ist im wissenschaftlichen Sinn unsinnig. "Gerecht" oder "ungerecht" können nur Menschen sein, die über Bewusstsein und Urteilsfähigkeit verfügen. Indem Herr Stefanowitsch und die Gendern-Bewegung sich im Alltagsdiskurs eines solchen literarischen Stilmittels bedienen, wird dieser Diskurs auf eine fiktive Eben verschoben.

Zugleich werden problematische Aussagen über Sprache und Sprachveränderung von ihrem Bezug zur Wirklichkeit getrennt und somit verschleiert. Und dies erfolgt von einer Seite, die "Sichtbarkeit" und Entschleierung "ungerechter" Strukturen im Deutschen auf ihre Fahnen geschrieben hat.

 

Schlimmer aber ist ein anderer Sachverhalt:

Dieser Begriff bezieht sich ja keineswegs, wie Herr Stefanowitsch Glauben machen will, allein auf das Bedürfnis, diskriminierende Begriffe zu vermeiden.

Er steht zugleich für die euphemistische Selbstbeschreibung der Gendern-Bewegung. Indem sie dabei für das eigene Anliegen den Begriff "gerecht" okkupiert, diskreditiert sie - die ja angeblich gegen jede Form der Diskriminierung kämpft - im gleichen Atemzug jede abweichende Vorstellung per se als "ungerecht". Und während sich die Gendern-Bewegung einer rationalen Diskussion weitgehend verweigert, ergötzt sie sich am Spiegelbild der euphemistischen Selbstbeschreibung: Selbstgerechtigkeit im Gewande der "Gerechtigkeit".

 

 

Nun geht es in dem genannten Vortrag erklärtermaßen um den Zusammenhang von "Political Correctness" - im Sinne der Verhinderung von Diskriminierung - mit "Moral". Das hindert jedoch Herrn Stefanowitsch nicht daran, erneut unvermittelt und ohne jegliche Begründung zu einem völlig anderen Thema zu springen: das Gendern.

 

War die proklamierte "Goldene Regel" eben noch Maßstab für "diskriminierungsfreies Sprechen", so wird nun ein radikalfeministisches Experiment zum Musterbeispiel für dessen Realisierung:

Als solches wertet er die 2013 erfolgte Neufassung der "Grundordnung" an der Universität Leipzig.

In dieser wurden - mit der Begründung, die Mehrheit der Uni-Angehörigen sei weiblich - alle Maskulina ausgemerzt und durch ein "generisches Femininum" ersetzt.

Herr Stefanowitsch feiert dieses Vorgehen als "gerecht", hätten so doch endlich "die Männer" selbst zu spüren, was man "Frauen zumutet" und "wie es sich anfühlt, wenn man nur mitgemeint ist".

Willkommen ist ihm das auch aus einem anderen Grund: Bietet es doch eine gute Gelegenheit, die eigene "Toleranz" zu "beweisen" - denn ihm mache das ja nichts aus.

 

Nun hatte ein Anatol Stefanowitsch den Beitrag von Luise Pusch, "Das Deutsche als Männersprache"  aus dem Jahr 1984 als "bahnbrechenden Aufsatz" gelobt. 7  Ob er dabei vor lauter Begeisterung nur "übersehen" hat, was darin mit seiner willkürlichen Wertung so gar nicht in Übereinstimmung zu bringen ist?

Denn in ihrem Kommentar zu dem Roman "Die Töchter Egalias" der norwegischen Schriftstellerin Gerd Brandenberg, in dem eben dieses Modell Anwendung findet, distanziert sich Luise Pusch eindeutig von solchem Vorgehen:

"Es ist jedoch nicht diejenige 'Frauensprache', die wir suchen und gerne haben wollen, eine Sprache also, in der sich Frauen 'einfach nur' als eigenständige Subjekte, kurz: als Menschen artikulieren (können)." 8

Darüber hinaus hat auch Luise Pusch in diesem Aufsatz auf einen wesentlichen Unterschied zwischen dem "generischen Maskulinum" (für sie eine "Pseudo-Geschlechts-Neutralisation") und der Bildung femininer Formen (für sie eine echte "Genus-Geschlechtsspezifikation") hingewiesen. 9

Das bedeutet, dass das künstlich geschaffene "generische Femininum" nicht einfach mit dem "generischen Maskulinum" gleichzusetzen ist und dieses nicht ersetzen kann.

Wenn für Luise Pusch beim "generischen Maskulinum" Frauen lediglich "mitgemeint" sind, so trifft das für sie beim "generischen Femininum" für Männer gerade nicht zu: Denn als "echter Genus-Geschlechtsspezifikation" ist die feminine Genusform bezüglich des Geschlechts ausschließlich "weiblich" kodifiziert. Männer können damit per se gar nicht "mitgemeint" sein.

Das hat auch Luise Pusch - zumindest in der damaligen linguistischen Diskussion - begriffen und von diesem Experiment Abstand genommen.

 

Dies gilt aber offensichtlich nicht für Herrn Stefanowitsch. Nicht einmal in Ansätzen ist zu erkennen, dass er sich mit eigenen Widersprüchen und willkürlichen Setzungen auseinandergesetzt hätte. Und so schlägt der Hohn, mit dem er seine Kollegen überzieht, die eine solche Aktion für unangemessen halten, auf ihn selbst zurück.

Radikalfeministische Gruppierungen propagieren im Geschlechterkampf-Modus Ähnliches, geben dabei Geschlechterklischees zu erkennen, die einem Frauenbild des 19. Jahrhunderts entsprechen.

Herr Stefanowitsch bemüht dazu auch noch zusätzlich die "Moral".

 

Das wirft erneut die Frage auf, wieso ein Sprachwissenschaftler wie er eine Instrumentalisierung von aufklärerischem Gedankengut, wie hier aufgezeigt, zu eigenen Zwecken nötig hat und welche Funktion einer so auffälligen Betonung von "Moral" zukommt. Fragen, die in Teil IV dieser Analyse im historischen Kontext zu klären sind.

 

Lediglich eine besorgte Frage sei hier abschließend erlaubt - aus der Sicht eines Zeitgenossen, der die Studentenbewegung 1968 sowohl in Paris als auch danach in Berlin miterlebt hat: Was aus einer kritischen Studentenschaft geworden ist, die sich Banalitäten der geschilderten Art applaudierend bieten lässt.

 

 

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Anmerkungen:

 

1     Die Berechtigung de Adelstitels "von" ist umstritten.

 

2     Vgl. Hubert Wolf: Index. Der Vatikan und die verbotenen Bücher. München 2007

 

3     Zur Interpretation von Lessings "Erziehung des Menschengeschlechts":

https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/die-erziehung-des-menschengeschlechts/7398#:~:text

 

4     https://de.wikisource.org/wiki/was_kann_eine_gute_stehende_Scchaub%C§%BChne_eigentlich_wirken% 

 

5     Mit "Mode" ist die feudale Gesellschaft gemeint, "streng geteilt" verweist auf die strengen Standesgrenzen des Feudalsystems.              

 

6     https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/diskriminierungsfreie-sprache-wer-was-wie-sagen-darf-und-wie-wir-das-herausfinden?token=njoi_hn80ukd_iq_0usktlbclmif0id4

Nebenbemerkung: Dass der Imperativ Singular von "sprechen" nicht "spreche!" lautet, sondern "sprich!", das sollte einem Linguistik-Professor eigentlich bekannt sein.

Dazu: https://www.verbformen.de/konjugation/imperativ/sprechen.htm

 

7    https://www.tagesspiegel.de/wissen/warum-sprachwandel-notwendig-ist-der-professor-die-professor-das-professor/26155414.html, 3.9.2020

 

8    Luise F. Pusch, Das Deutsche als Männersprache, Suhrkamp Frankfurt/M. 1991 (22017), S.70

 

9    Ebd., S. 48 ff.

 

 

 

 

Teil II - Rezensionen zu

              "Eine Frage der Moral:

              Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen"

 

 

 

Die Veröffentlichung der "Streitschrift" "Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen" von Anatol Stefanowitsch liegt gegenüber dem eben diskutierten Vortrag zwei Jahre zurück. 1

Mit dieser vom Umfang ebenso wie vom Inhalt her dünnen "Streitschrift" machte er regelrecht Furore - vermutlich gerade, weil er auf jeglichen wissenschaftlichen Anspruch verzichtet und seine "moralischen" wie "aufklärerischen" Absichten auf populäre - man könnte auch sagen: populistische - Weise unters Volk zu bringen sucht.

Dafür sprechen zunächst eine ganze Reihe positiver Rezensionen, die z.B. bei Amazon sogar deutlich in der Mehrheit sind. Es besteht also Veranlassung, sich diese näher anzusehen.

 

Die meisten dieser positiven Rezensionen geben allerdings wenig her. Man zeigt sich schlicht überwältigt von der überraschenden "Erkenntnis", "wie mächtig Sprache ist", fühlt sich emotional vom Impetus der "Aufklärung" ergriffen, nennt diese Schrift sogar ein "absolutes Muss" und fordert sie als "Pflichtlektüre" für jedermann (ob männlich oder weiblich).

Ein kritische Reflexion über Hintergründe dieser Begeisterung sucht man freilich vergebens. 2

 

Es bedarf schon eines erfahreneren Rezensenten wie "Bonaventura", um zum Schluss zu kommen:

"In guter Absicht leider reichlich zu kurz gesprungen."  3

Eine andere Rezension stellt fest, was hier schon am Beispiel der Vorlesung aufgezeigt wurde:

"Gerecht wird im Buch so definiert wie man es braucht, unabhängig von der Realität."

Und ein Sprachwissenschaftler, Jo Paulus, stellt zu Herrn Stefanowitsch die Frage:

"Kann er zwischen dem Sprechen als Handeln und der Sprache als System nicht unterscheiden?"  4

 

Nein, das kann oder will er nicht. Und die große Masse der Gendern-Begeisterten kann es noch weniger, weil entweder schlicht die Voraussetzungen dazu fehlen oder weil das Angebot, sich durch bloßen Austausch von Wörtern einer großen, "moralisch" überlegenen Bewegung zugehörig fühlen zu können, zu verlockend ist.

Für Differenzierungen ist da kein Platz. Und noch weniger für die Erkenntnis - so Jo Paulus -,

"dass die moralische Aufladung des Themas ein großes Diskurshindernis ist."

 

Wenn das Thema "sprachliche Diskriminierung" moralisch aufgeladen und mit der Frage der Sprachveränderung vermischt wird, so fordert das den Leser resp. Rezensenten heraus:

Ob sich jemand angesprochen und begeistert fühlt, das hängt von der Bereitschaft ab, sich auf das von Stefanowitsch evozierte Gefühl einzulassen, sich überall von sprachlichen Diskriminierungen der übelsten Art umgeben und bedroht zu sehen. So wird auch das Bedürfnis ausgelöst, sich selbst zum Anwalt der "Moral" und der "Gerechtigkeit" zu ernennen, mit dem Glauben, die krude Wirklichkeit per sprachlichen Willensakt nachhaltig verändern zu können.

 

Moralisieren ist zu dem Zweck ein durchaus wirkungsvolles Verfahren, fühlt sich doch in gewissem Sinn ein jeder seiner Sprache mächtig und damit auch potentiell angesprochen.

Nach dieser Erkenntnis startet auch Luise Pusch ihre "Großaktion 'Rettet das Femininum'". Und zu dem Zweck will sie bei Frauen eine "gezielte Allergie gegen das generische Maskulinum" erzeugen. 5

In bildlichem Sinn "verkauft" sie - ähnlich wie der Arzt in Molières Komödie "Der eingebildete Kranke" - zu ihren Zwecken die Einbildung einer Krankheit.

 

Anatol Stefanowitsch geht noch einen Schritt weiter: Er bezieht auch Männer in die Kalkulation mit ein, die "ritterlich" denken (oder zu denken meinen) und verabreicht ihnen mit seiner "Moral" auch die dazu passende "Medizin".

 

Aufschlussreich für die Wirksamkeit solcher "Moral" ist die Stellungnahme einer gewissen Dagmar, die als "Geschichtenagentin" ihren eigenen Blog über Literatur betreibt:

"Sprache macht einen Unterschied. Bereits durch die Wahl des Vokabulars gestalten wir die Gesellschaft, in der wir leben, mit. Respektvoll, sich ihrer Werte bewusst, demokratisch, interessiert an Menschen, offen für unbekannte Themen – das sind einige Eckpunkte meiner Wunsch-Gesellschaft." 6

 

Wer fände das Interesse von Dagmar nicht sympathisch, und wer möchte nicht gerne mit ihr die Vorstellungen von ihrer "Wunsch-Gesellschaft" teilen?

Nur: Eine "Wunsch-Gesellschaft" ist nicht Realität, genauso wenig wie der Roman "Utopia" von Thomas Morus, nach dem der Begriff "Utopie" geprägt wurde.

 

In diesem Zusammenhang ist von Bedeutung, dass die Reaktion von Dagmar Rückschlüsse auf die Wirkungsweise der genannten "moralischen Aufladung" des Diskurses zulässt:

 

Wer in der genannten Weise moralisiert, der verschiebt den Fokus weg von rationaler Analyse der Realität, er lenkt ihn auf das, was emotional wünschbar erscheint. Damit kommt er auch dem Bedürfnis entgegen, zu beurteilen, ohne wirklich zu verstehen, und verengt zugleich den Blick.

 

Die von manchen gelobte "leichte Verständlichkeit" der "Streitschrift" zeigt hier ihre Kehrseite, die des Opportunismus:

Wo es primär darum geht, Vorstellungen und Wünschen einer Zielgruppe zu entsprechen, taucht die Frage, ob die Realität noch angemessen erfasst ist, gar nicht mehr auf.

Und dies ist weder bei der Rezensentin Dagmar noch bei Herrn Stefanowitsch der Fall.

 

Auch, was den "Unterschied" der Sprache angeht, mit dem wir, wie sie meint, "die Realität (...) gestalten", hat sich die Rezensentin Dagmar von Herrn Stefanowitsch einen Bären aufbinden lassen.

Sicher wäre es auch unter ihren Voraussetzungen möglich zu erkennen, wie wenig gerade die von Herrn Stefanowitsch verbreitete "Moral" ihrer Forderung entspricht, sich "offen für unbekannte Themen" zu zeigen. Das sei ihr verziehen.

 

Wichtiger aber wäre zu erkennen, wer die geeigneten Ansprechpartner sind, wenn es darum geht, den von ihr mit vollem Recht hochgehaltenen "Werten" einer "demokratischen" Gesellschaft ein Stück näher zu kommen - und zwar in der Realität.

Dazu wären etwa Lehrerinnen und Lehrer, Sozialarbeiter, Streetworker und andere zu befragen, die in tagtäglicher Mühe, oft mit selbstloser Hingabe versuchen, den ihnen anvertrauten Menschen ein wenig Orientierung zu geben, um sie einen winzigen Schritt weiter in Richtung auf diese "Wunsch-Gesellschaft" zu führen.

Sie alle haben aber Veranlassung, sich von einem Professor regelrecht verhöhnt zu fühlen, der ihnen vorgaukelt, dass es dazu lediglich des Austausches einiger Wörter bedürfe.

 

Ausdrücklich anerkannt sei hier der Hinweis von Anatol Stefanowitsch, dass, um Diskriminierung zu bekämpfen, die Perspektive bei Menschen geändert resp. erweitert werden muss.

Falsch ist aber, die Illusion zu erwecken, dies werde vor allem mit sprachlichen Mitteln erreicht, und eine Veränderung des Verhaltens ergebe sich daraus quasi als Selbstläufer.

 

Um dies an einem Beispiel aus persönlicher Erfahrung zu erläutern:

Der Verfasser dieser Kritik hat, zusammen mit einer Eltern-Gruppe, selbst ein Projekt "Anti-Gewalt-Training" mit einer Schulklasse pubertierender Jugendlicher geleitet. Auslöser war die von vielen Mädchen beklagte "Aggressivität" vieler Jungen ihnen gegenüber.

Um eine Verhaltensänderung zu erreichen, wurde anvisiert, Schüler und Schülerinnen im Rollenspiel in eine Situation zu versetzen, die einen Wechsel der Perspektive erfordert, und so die Möglichkeit gibt, die Wahrnehmungsfähigkeit zu erweitern.

Ausgangsthese war die Vermutung, dass das aggressive Verhalten der Jungen nicht an einer bestimmten Veranlagung festzumachen, sondern dass es durch Unsicherheiten im eigenen Rollenverständnis bedingt war. Bei den Jungen war eine unzureichend flexible Strategie im Umgang mit dem anderen Geschlecht zu erkennen, um sich - aus ihrer Sicht - gegen subtile Angriffe von Mädchen zu "wehren".

Das Rollenspiel bestand darin, konkrete Konfliktsituationen aus drei verschiedenen Perspektiven zu erleben: der des Aggressors, der des Opfers und der des unbeteiligten, nicht handelnden Beobachters. Anschließend waren die dabei erlebten Gefühle in allen drei Rollen zu schildern.

 

Das Experiment bestätigte die Ausgangsthese in vollem Umfang. Und in der Tat wurde eine Verhaltensänderung in der erwarteten Weise erreicht.

Insbesondere wurde bestätigt, dass auch der Aggressive sich selbst als "Opfer" begreift, sein Verhalten als "Selbstverteidigung" empfindet und daher eine emotionale Abwehr gegen Identifikation mit dem wirklichen Opfer und Mitgefühl aufbaut.

 

Für das hier vorliegende Problem ist daraus zu folgern:

Eine Verhaltensänderung ist nur durch eine geistige Auseinandersetzung mit ganz konkreten Konfliktsituationen zu erreichen. Und es erfordert zugleich die aktive Beteiligung der jeweils Betroffenen - auch und gerade derjenigen, die nach der "Moral" des Herrn Stefanowitsch aufgrund ihres sprachlichen Verhaltens stigmatisiert werden.

Seine "Moral" aber schafft Feindbilder, sie schließt die Menschen, denen er "diskriminierende Sprache" vorwirft, von vornherein aus dem Diskussionsprozess aus.

 

Mit seinem "Moral"-Konzept ist  Herr Stefanowitsch nicht nur "zu kurz gesprungen".

Pauschalisierendes Anprangern von "diskriminierendem Sprachgebrauch" vom hohen Ross des Selbstgerechten ist in dem Maße kontraproduktiv, als sie den Geächteten keine Gelegenheit zur Verhaltensänderung gibt.

Es erweist sich auch als hilflos in der Auseinandersetzung mit der konkreten Realität und läuft Gefahr, das Gegenteil von dem zu bewirken, was intendiert wird.

 

 

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Anmerkungen:

 

1    Vgl. die Zusammenfassung des Inhalts bei Wikipedia

 

2    https://www.amazon.de/product-reviews/3411743581/ref=acr_dp_hist_5?ie=UTF8&filterByStar=five_star&reviewerType=all_reviews#reviews-filter-bar

 

3    https://www.bonaventura.blog/2018/anatol-stefanowitsch-eine-frage-der-moral/

 

4    Siehe Fußnote 10

 

5    Das Deutsche als Männersprache, a.a.O, S. 11

 

6    https://blog.geschichtenagentin.de/warum-wir-politisch-korrekte-sprache-brauchen

 

 

 

 

 

Teil III -

Moral, "gerechte Sprache" und Glaubwürdigkeit

 

 

 

Rezensionen können ein Maßstab dafür sein, in welchem Maß ein Autor "den Puls der Zeit" getroffen hat. Das Kriterium der Glaubwürdigkeit geht deutlich darüber hinaus.

 

Der Duden nennt als Synonyme zu "glaubwürdig": "seriös, solide, verlässlich, vertrauenerweckend".

Die ersten beiden Attribute betreffen den Inhalt der Aussage, im Sinne von Korrektheit der dargestellten Wirklichkeit. Die letzten beiden Begriffe stellen eine Relation zum Autor bzw. dessen Verhalten her.

 

Bezüglich des Inhalts wurden in den voranstehenden Abschnitten bereits deutliche Kritikpunkte genannt, was die Banalisierung eines aufklärerischen Erbes (Teil I) und das selbstgerechte Moralisieren (Teil II) betrifft. Als weiterem Kritikpunkt wurde auf das wahllose Vermischen unterschiedlicher Problemfelder sowie auf eine populistische Tendenz in eher negativem Sinn verwiesen.

 

 

Am gravierendsten erscheint, wenn ausgerechnet diejenigen, die "diskriminierende Sprache" anderer anprangern, sich selbst mit eben dieser Untugend hervortun: Wenn sie euphemistische Begriffe wie "gerechte Sprache" für sich okkupieren und damit in einem Atemzug Andersdenkende diskreditieren. Dies wirft die Frage nach inhaltlicher Glaubwürdigkeit auf, aber auch die des eigenen Handelns.

 

Dazu sei hier die im Teil I angerissene Kritik aufgegriffen, dass Herr Stefanowitsch in seinem Vortrag mit diesem unpräzisen und euphemistischen Begriff zwei unterschiedliche Problembereiche vermengt.

 

Das eine Problem, von ihm "diskriminierungsfreies Sprechen" genannt, geht von einem objektiv nachweisbaren Sachverhalt aus, nämlich dass es Sprecher der deutschen Sprache gibt, welche als Ausdruck ihrer Vorurteile und zur Abwertung vorwiegend bestimmter Minderheiten sich eines diskreditierenden Wortschatzes bedienen, von Herrn Stefanowitsch "politisch unkorrekt" genannt.

In sprachlicher Hinsicht ist dies so gut wie ausschließlich lexikalisch, also an einem bestimmten Wortschatz festzumachen.

Dieses Phänomen existiert in allen Sprachen und Gesellschaften. Ursache sind Vorurteile in einer Gesellschaft, unterschiedlich bedingt. Sprache ist nur das Medium, mit dem Sprecher sie  verbreiten.

 

Das Konzept der Tabuisierung durch "Political Correctness" erscheint demgegenüber hilflos:

Es beseitigt bestenfalls die sichtbaren Phänomene, nicht aber die Ursachen, indem es glauben macht, dass mit der Tabuisierung von Begriffen auch dahinter stehende Haltungen verschwinden.

Es wirkt kontraproduktiv, indem es die gesellschaftliche Auseinandersetzung darüber verhindert.

 

Das zweite Problem, auf das sich Gendern bezieht, ist im Unterschied dazu grammatischer Art.

Es hängt mit der Funktion des generischen Maskulinums zusammen und existiert in der Weise nur im Deutschen. Mit dem ersten Problem, "politisch korrektem Sprechen", hat dies nichts zu tun.

Die Gemeinsamkeit, die inhaltlich fehlt, wird erst geschaffen, indem auch diese Problematik "moralisch" aufgeladen wird. Dies erfolgt bei Stefanowitsch durch den diffusen, abgehobenen "Moral"-Begriff, bei Luise Pusch mit der Behauptung, im "generischen Maskulinum" seien Frauen generell "nur mitgemeint", von ihr emotional verschärft zur "sprachlichen Vernichtung der Frau" 1

 

Durch die von der "feministischen Linguistik" eingeschlagene Methodik wird Kommunikation, bildlich gesprochen, zum Selbstgespräch - mit all den daraus resultierenden fatalen Folgen:

Funktionierende sprachliche Kommunikation setzt eine gemeinsame Schnittmenge zwischen Sprecher und Hörer voraus. Differenziertes Verstehen ist nur in dem Maße möglich, als der Hörer neben der Sprechsituation auch den jeweiligen Kontext des Sprechers berücksichtigt.

Beides aber wird hier systematisch ausgeblendet. Die Bereitschaft zu verstehen ist bei Luise Pusch von vornherein nicht gegeben.  Es geht allein um eigene Befindlichkeit, um die verallgemeinerte Behauptung, nicht "gemeint" und nicht selbst "sichtbar" zu sein. Das Gegenüber wird so zum Spiegelbild eigener Bedürfnisse und Empfindungen.

Indem kontextlose Sätze auf eine abstrakte grammatische Ebene projiziert werden, wird subjektives Empfinden zugleich verabsolutiert und zum allgemeingültigen Maßstab erklärt. Und schließlich wird der aus den Sprechakten vermeintlich herauszulesende Befund verallgemeinert und zum Merkmal der Sprache per se erklärt.

So wird eine radikalfeministische, mehr als fragwürdige Interpretation zu einem dogmatisch behaupteten, vermeintlich unumstößlichen, propagandistisch verbreiteten Faktum.

 

Die hier zusammenfassend skizzierte Methodik "feministischer Linguistik" zeigt sich in ähnlicher Weise in dem oben analysierten Vortrag von Anatol Stefanowitsch, insbesondere in der völligen Eliminierung des historischen Kontextes, aber auch der euphemistischen Begrifflichkeit.

Es bedarf keiner besonderen Betonung mehr, dass dies wissenschaftlichen Kriterien, insbesondere der Textanalyse in keiner Weise genügt.

 

Es bleibt aber noch genauer zu analysieren, welche Funktion dem geradezu manisch erscheinenden Bedürfnis zukommt, den Diskurs "moralisch" zu überhöhen.

Dabei stellt sich auch die Frage, ob hier die Glaubwürdigkeit nur bezüglich Inhalt und Methode oder auch hinsichtlich des Verhaltens der Akteure zur Debatte steht.

 

Dazu seien im Folgenden zunächst drei für die Gendern-Bewegung typische Positionen bzw. Verhaltensweisen dargestellt.

 

 

In einer Stellungnahme vom "Arbeitskreis Sprache des Kommunikationszentrums für Frauen zur Arbeits- und Lebenssituation" (Kofra) in München wird unumwunden eingestanden:

"Aber hier geht's nicht um Grammatik, sondern um Macht." 2

Nun wäre gegen ein solch offenes Eingeständnis nichts einzuwenden, würde um diese "Macht" mit nachvollziehbaren Argumenten gestritten.

Hier aber sieht man sich dabei keineswegs daran gehindert, gleichzeitig den Euphemismus von der "gerechten Sprache" zu verbreiten, eine bessere "Moral" für sich zu reklamieren, Andersdenkenden eben diese zugleich abzusprechen - das heißt, über Begrifflichkeit Feindbilder zu schaffen.

Dabei aber wird die Doppelzüngigkeit im Umgang mit der reklamierten "Moral" entlarvt.

 

Ein zweites Beispiel verdeutlicht Selbstverständnis und Verhältnis zur Realität eines Gendern-Internetportals:

Am 26. Mai 2021 wurde in der Welt am Sonntag eine Umfrage veröffentlicht, nach der knapp zwei Drittel der Bevölkerung und auch die Hälfte der Frauen Gendern entschieden ablehnt. Dabei war sachlich eine "Frage zu einer geschlechterneutralen Sprache" gestellt worden. 3

 

Das gefiel den Machern des Portals "geschickt gendern.de" aber gar nicht. So sann man nach Möglichkeiten, das Ergebnis umzudeuten. Die vermeintlich rettende Idee war:

"Die gestellte Frage des Umfrageinstituts ist in sich sachlich falsch." Man hätte schon in der Frage "das Gendersternchen als beispielhafte gendergerechte Schreibweise" benennen müssen. Dann nämlich, so weiß man, wäre "die Umfrage anders ausgefallen". 4

 

Mit anderen Worten: "Sachlich" fragen, das heißt für die Gendern-Ideologen, die gewünschte Antwort gleich mitzuliefern, um so das "richtige" Ergebnis hervorzubringen. Und einer "gerechten Sprache" bedient sich, wer bedingungslos die von der Gendern-Bewegung vorgeprägten Euphemismen übernimmt.

Diese Praxis bedarf keiner Kommentierung, sie ist hinlänglich bekannt von Machthabern, die nicht unbedingt als "lupenreine Demokraten" anzusehen sind.

Es gibt dafür aber umgangssprachlich ein treffendes Wort: Manipulation.

 

 

Wie notwendig es aus Sicht von Gendern-Fans erscheint, zu solchen Mitteln zu greifen, das macht ein Video der jungen Youtuberin Alicia Joe vom 5.1.2022 deutlich 5, das Probleme und Widersprüche des Genderns kritisch, "unaufgeregt und aus sprachwissenschaftlicher Sicht" erörtert und dabei "offenbar einen Nerv trifft": 6

 

Innerhalb von wenig mehr als einer Woche haben (nach Zählung von Youtube) etwa 1 Million User das Video aufgerufen und in weit mehr als 100.000 Kommentaren zu fast 98 % positiv bis begeistert kommentiert.

Erschütternd sind dabei die Zeugnisse zahlreicher Studenten und Studentinnen, die von massivem Druck an Hochschulen berichten, die durch Androhung oder Anwendung von Punktabzug bei Prüfungen, "Verstöße" gegen eigenmächtig verordnete "gendergerechte" Sprachregelung ahnden.

 

Hier wird deutlich, in welchem Maße die Gendern-Bewegung in der Sprachgemeinschaft isoliert ist, wie sie durch Missbrauch von Machtpositionen in Staatsdienst und öffentlich-rechtlichen Anstalten ihre privaten Vorstellungen von "gerechter Sprache" gegen eine übergroße Mehrheit durchzusetzen versucht, wie sie den eigenen Anspruch von "Moral" und "Gerechtigkeit" mit Füßen tritt.

 

 

Dieses Vorgehen macht auch begreiflich, warum der Glaube an die Möglichkeit einer gewünschten Gesellschaftsveränderung durch Sprache bei Anhängern der Gendern-Bewegung so tief sitzt.

 

Nicht nur erscheint dies als der weitaus bequemere Weg, als sich in langwieriger und beschwerlicher Weise mit der kruden Wirklichkeit selbst auseinanderzusetzen.

Es geht auch nicht bloß um eine Frage des "Glaubens" im Sinne von "Für-wahr-Halten".

Aus Sprache als wertvollstem Mittel der Verständigung wird ein bloßes Mittel zur Durchsetzung von "Macht" - wie im ersten Beispiel offen eingestanden. Und dies erfordert wieder unerschütterlichen Glauben daran, dass Herrschaft über Sprache auch zu Herrschaft in der Gesellschaft führt, wobei diese sich am Sprachverhalten der selbsternannten "Elite" zu orientieren hat.

 

"Moral" stellt dabei - nach dem Sprachgebrauch eines Anatol Stefanowitsch - das geeignete "Framing" dar, mit doppelter Funktion: Sich erstens selbst "moralisch" von der übrigen Gesellschaft abzusetzen und zweitens die eigenen Widersprüche vor sich selbst und anderen zu verschleiern.

 

Freilich: Wenn etwa im Zuge seiner durchaus aggressiven politischen Polemik der Schleier des "Moralisten" fällt, dann wird von ihm die eigene Methode dem politischen Gegner unterstellt.

 

 

So charakterisiert Stefanowitsch seine eigene Methode auf treffende Weise, wenn er in einem Tweet vom 20. Mai 2021 "ein zentrales Prinzip des Re-Framings" beschreibt: "Erwähne nie das, von dem du ablenken willst, denn damit erinnerst du die Leute unweigerlich genau daran." 7

 

Allerdings unterläuft es selbst einem Anatol Stefanowitsch im Übereifer des Selbstgerechten, dass er eben das zu erkennen gibt, wovon er eigentlich "ablenken" wollte.

So, wenn er sich am 10. Juni 2021 von einer Kritik der Kommentatorin Ute Wellstein vom Hessischen Rundfunk in den Tagesthemen zum Problem des Genderns herausgefordert fühlt und sie auf seinem Twitter-Account erbost abkanzelt: 8

"Ja, Frau Wellstein, es ist nun einmal so, dass eine Sprache, die rein männlich gendert (also das „generische“ Maskulinum verwendet), tatsächlich „falsch“ ist, in dem Sinne, dass die Welt eben nicht nur aus Männern besteht. Und deshalb ist sie tatsächlich diskriminierend. 4/

Schon klar, die Erkenntnis, dass man Menschen diskriminiert, unangenehm ist. Aber warum sollte die „Gendersprache“ Rücksicht auf Menschen nehmen, die Realitätsverweigerung betreiben? Wenn ich die Wahl habe, diese Menschen auszugrenzen, oder 5/

alle auszugrenzen, die keine Männer sind, weiß ich schon, für wen ich mich entscheide!"

 

Mit Frau Wellstein dürften nun auch Tausende von "Followern" verstanden haben:

Mit einem Anatol Stefanowitsch ist nicht zu spaßen. Er diskutiert nicht und stellt schon gar nicht eigene Aussagen in Frage. Er predigt von der Kanzel dessen, der "die Moral" verkörpert und die "Wahrheit" besitzt, dem es zukommt, andere zu belehren, was richtig und was "falsch" ist.

Und er scheut sich auch nicht, Menschen, die seine Auffassung nicht bedingungslos teilen, der "Realitätsverweigerung" zu bezichtigen, sie von jeglicher weiterer "Rücksicht" auszuschließen und  gezielt "auszugrenzen".  Und das trifft hier, wie man aus dem Kontext erkennen kann, für die überwältigende Mehrheit der Deutschen zu.

 

Besser könnte nicht deutlich gemacht werden als hier mit den Worten des Autors selbst, wie es um seine Glaubwürdigkeit bestellt ist und was es mit der - auf dem gleichen Twitter-Account feilgebotenen "Moral" - in Wirklichkeit auf sich hat.

 

 

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Anmerkungen:

 

1     Das Deutsche als Männersprache, a.a.O, S. 11

Vgl. dazu die Analyse: Werner Engelmann, Die "feministische Linguistik" der Luise Pusch: "Das Deutsche als Männersprache"

 

2     https://www.sueddeutsche.de/kolumne/gerechte-sprache-wir-gendern-nicht-zum-spass-1.3424322

 

3     https://www.welt.de/politik/deutschland/plus231304851/Gendern-Die-Gender-Sprache-ist-eine-Top-down-Veranstaltung.html, 26.5.2021

 

4     https://geschicktgendern.de/ist-gendern-wirklich-so-unbeliebt-zur-umfrage-von-infratest-dimap-welt-am-sonntag/, 7.6.2021

       Eine genauere Analyse findet sich bei: Werner Engelmann, Teil "Identitäre Ideologie und 'Sichtbarkeit' in der Gendern-Bewegung", Abschnitt I,1

 

5     https://www.youtube.com/watch?v=aZaBzeVbLnQ

 

6     https://www.fr.de/panorama/youtuberin-alicia-joe-geht-mit-video-uebers-gendern-viral-zyx-zr-91228534.html

       https://www.fr.de/panorama/youtuberin-alicia-joe-geht-mit-video-uebers-gendern-viral-zyx-zr-91228534.html

 

7     @astefanowitsch

 

8     Ebd.

 

 

 

 

Teil IV:       - "Moral" und Wirklichkeit

 

 

 

Zum Abschluss dieser Analyse sei Funktion und Bedeutung der von der Gendern-Bewegung so emphatisch hervorgehobenen und für sich beanspruchten "Moral" aus historischer Perspektive betrachtet.

 

Lessing hat in seinem letzten Werk, "Nathan der Weise", nicht nur einen bis heute gültigen Begriff von religiöser "Toleranz" geprägt. Er ist auch wegweisend für ein aktuelles Verständnis von "Moral".

 

In der berühmten "Ringparabel" vergleicht er die drei Weltreligionen, Judentum, Christentum und Islam, die alle drei absolute Wahrheit beanspruchen, mit drei gleichen Ringen, von denen äußerlich keiner als der "echte" zu erkennen ist. Er wird aber erkennbar anhand seiner moralischen Wirkung, also am konkreten moralischen Handeln seines Trägers.

Und so formuliert Lessing als das entscheidende Kriterium für "Wahrheit" die Überprüfung am praktischen moralischen Handeln in der Realität:

   "Es eifre jeder seiner unbestochnen, von Vorurteilen freien Liebe nach!

Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag zu legen!" 1

 

Der "Disput" der monotheistischen Religionen, die sich in dogmatischer Weise an Abstraktionen von "Moral" ergötzten, führte in der Realität zu Kreuzzügen und Massakern. Erst mit Lessings Verständnis von "Wahrheit" ist eine pragmatische Lösung erkennbar, wird auch "Moral" auf ihren realen, humanistischen Kern zurückgeführt.

Der Preis dafür ist, vom absoluten Wahrheitsanspruch abzurücken und sich mit einer ehrlichen Wahrheitssuche zu bescheiden:

"Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. (...) Der Besitz macht ruhig, träge, stolz." 2

 

Als "wahr" kann fortan nur gelten, was sich der Überprüfung an der Realität stellt und was diesen entscheidenden Realitätstest besteht.

 

Nichts anderes gilt für die "Moral": Ihr Wert und ihre Wahrhaftigkeit sind nicht an ihrem Anspruch, sondern an ihrem Wirken in der Realität zu messen. Das Kriterium dafür ist praktische Humanität.

 

 

Dies ist ein Maßstab, der in seinem humanistischen Anspruch in der "Erklärung der Menschenrechte" verankert ist, an dem sich auch die Gendern-Bewegung zu messen hat.

Dies freilich führt zu einer sehr ernüchternden Einschätzung.

 

Schon in Luise Puschs Aufsatz "Das Deutsche als Männersprache" zeigte sich die fatale Tendenz, sprachliches Handeln aus dem realen Kontext zu reißen, der eine Überprüfung der Aussagen erst ermöglichen würde.

Immerhin findet hier ihr Bedürfnis, "radikalfeministische Verve", "Subjektivität und entschlossene Parteilichkeit" 3 mit linguistischer Analyse zu vermischen, noch gewisse Grenzen.

So, wenn sie die von Anatol Stefanowitsch anvisierte Umkehrung des "generischen Maskulinums" durch radikale, durchgehende Feminisierung mittels eines erst zu schaffenden "generischen Femininums" als unrealistisch ansieht. 4

Zu skurril erscheinen selbst ihr zu diesem Zeitpunkt noch Wortbildungen im Neusprech-Jargon wie "frauschen" statt "herrschen", "erweiben" statt "ermannen", "wibschlich" statt "menschlich" oder "ritterinnenlich" statt "ritterlich". 5

 

Doch im Zuge der Wiederbelebung "radikalfeministischer Verve", namentlich durch Anatol Stefanowitsch, angesichts einer - vermeintlich - die Sprachgemeinschaft überrollenden Gendern-Welle entfällt auch bei ihr die noch verbliebene Erdung hochtrabender Gedankengebäude mit der Realität.

Sie sieht ihre Chance gekommen, ihre "Allergie gegen das Maskulinum" endlich auszuleben und zugleich ihre für sich selbst gewählte und verinnerlichte Rolle als epochemachende "Therapeutin" an der deutschen "Herrensprache" auf die gesamte Männerwelt auszudehnen. 6

Dazu bedarf es für sie nur eines scheinbar einfachen, aber entlarvenden Tricks: Das, was sie ursprünglich selbst als reine Fiktion erachtete, nun zu einer "revolutionären Tat" umzudeuten.

 

So empfiehlt sie in einem Interview mit "Emma" vom 12. Dezember 2018: 

"Drehen wir den Spieß also mal um. Die beste Antwort auf das weiterhin grassierende generische Maskulinum ist meiner Meinung nach das generische Femininum. Es stärkt das weibliche Selbstbewusstsein und das männliche Einfühlungsvermögen." 7

 

Und in einem Video-Interview mit dem Literaturhaus Zürich vom April 2021 mit dem wenig bescheidenen Motto "Aus Männersprachen humane Sprachen machen" (im Plural) plant sie die radikale Umgestaltung der deutschen Sprache für mindestens 100 Jahre, "nach dem Rotationsprinzip", "damit die Männer sich daran gewöhnen, dass es auch Frauen gibt".

Sie lässt es sich dabei aber auch nicht nehmen, ihren Überlegenheitsdünkel auszukosten, indem sie hämisch hinzufügt: "Natürlich ist es viel zu lästig, die Männer immer mit zu erwähnen". 8

 

Auch darf hier die Moralkeule nicht fehlen, gegen alle gerichtet, die an ihrem gigantischen Programm der kollektiven "Umerziehung" irgendwelche Zweifel hegen: Den Männern gehe es sowieso allein um ihre "Privilegien".  Und Frauen, die nicht so empfinden wie sie, haben sich an ihre Unterwürfigkeit gewöhnt: Ihnen "fällt ihre sprachliche Herabsetzung nicht einmal auf."

 

Allerdings gibt sie hier auch wider Willen zu erkennen, woher solche Verachtung nicht nur für Männlichkeit, sondern auch für das eigene Geschlecht stammt:

Ihre Denkklischees, die Ende der 70er Jahre aus den USA "rübergeschwappt" sind, hatten (nach ihrer Aussage) ihren Ursprung, als US-amerikanische Linguistinnen begannen, sich mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung zu identifizieren, indem sie sich "genauso abschätzig behandelt" sahen, deren Konzept auf sich bezogen und nahtlos übernahmen.

 

Ein sehr aufschlussreiches Eingeständnis:

Wirkliche Opfer in einem Land, wo Rassismus blüht, wurden ungewollt zu Paten eines entliehenen radikalfeministischen Opfermythos auf dem alten Kontinent.

Es ist solche "Viktimisierung" von Frauen, welche die französische Philosophin Élisabeth Badinter, die einen aufgeschlossenen, internationalistisch orientierten Feminismus vertritt, am "Radikalismus" des angelsächsischen Feminismus scharf kritisiert, der in patriarchalisches Denken mit umgekehrtem Vorzeichen und Geschlechterkampf-Attitüden zurückfällt. 9

 

Und aus einem kultivierten Gefühl von "sprachlicher Herabsetzung" erwächst für Luise Pusch in der Umkehrung ein missionarischer Drang, die lang gehegte Vision eines durch "radikalfeministische Verve" via Sprache zu schaffenden Paradieses auf Erden  endlich zu realisieren: 10

"Und wenn sich die Sprachgemeinschaft durch reichliches Vorkommen des Femininums endlich daran gewöhnt hat, dass es auch Frauen gibt, sollten alle Geschlechter sich an einen Tisch setzen und gemeinsam eine Sprache aushandeln, die für alle gerecht und bequem ist." 11

 

Eine genauere Kommentierung eines solchen "Erziehungs"-Konzepts erübrigt sich.

Das abwegige Bild von "allen Geschlechtern an einem Tisch" symbolisiert bereits die Absurdität.

Und keines weiteren Kommentars bedarf eine Phantasterei, dass eine ganze Sprachgemeinschaft von annähernd 200 Millionen Menschen "nach dem Rotationsprinzip", nach jeweils 100 Jahren ein Neusprech zu erlernen und nach orwellschem Prinzip im Zuge kollektiver "Umerziehung" ihre Identität wieder neu zu suchen habe.

 

 

Die hier aufgezeigte Utopie der "feministischen Linguistik" wird von Anatol Stefanowitsch kritiklos und fast wörtlich übernommen, wie auch an dem im Teil III zitierten Twitter-Eintrag zu erkennen ist.

Nur konsequent erscheint also, dass er deren Realitätsferne zu verklären und zu verschleiern sucht, indem er sie mit euphemistischen Begriffen wie "gerecht", "sensibel" und "Moral" propagiert. Denn eine Utopie muss zumindest den Anschein der Realisierbarkeit erwecken.

Dadurch, dass sie dazu Feindbilder braucht, entlarvt sie sich aber selbst.

 

Die Symbiose aus einer zur Ideologie erstarrten "feministischen Linguistik" mit geschichtslosem, "moralisch" verklärtem Anspruch von "Wissenschaftlichkeit", zeigt so, welche Tendenz dies in ihrer Wechselwirkung vor allem befördert: eine zunehmende, sich selbsttätig bestärkende Radikalisierung.

 

Im historischen Vergleich der hier aufgezeigten Befunde mit der praktischen Moral eines Lessing, die auch einer demokratischen Gesellschaft angemessenen ist, stellt sich so des Weiteren ein ungeheuerlich erscheinender Verdacht ein:

Führte Lessings Verständnis von "Moral", im Einklang mit aufklärerischem Denken, heraus aus engstirnigem Dogmatismus und unseliger Kreuzzugsmentalität, hin zu Toleranz und Empathie, so  scheint sich hier der Weg zurück in überwunden geglaubten Dogmatismus anzudeuten.

Denn eine "Moral", die Feindbilder befördert und sich zum Richter über andere aufschwingt, entlarvt sich selbst als Schein-Moral, die solche Tendenzen der Pervertierung in sich trägt.

 

Eine solche dogmatische Schein-Moral nähme die Rolle ein, die Theologie einst beanspruchte.

Zumindest die Tatsache, wie ein immer rigoroser werdender moderner Kulturkampf im Stil von "Cancel culture" befördert wird, spräche dafür. Und eine rigorose "moralische" Geisteshaltung ruft selbst Erinnerungen wach an unseliges Wirken einer "heiligen Inquisition".

 

 

Wer sich ernsthaft mit Geschichte befasst, die eine moralheischende, geschichtsvergessene "feministische Linguistik" zu verdrängen sucht, dem kommen auch noch andere Bedenken:

 

Auch totalitäre Regime produzieren ihre "Moral", um ihre Macht aufrecht erhalten zu können. Solche Scheinmoral ist eines der Markenzeichen des Totalitarismus.

Gerade beim Nationalsozialismus fällt auf, in welchem Maße er auf Idealismus, soziales Engagement (so das Winterhilfswerk) und Aufopferungsbereitschaft setzte und so auch gestützt wurde:

Er bedurfte des "moralischen" Scheins zivilisatorischer Werte, die er in menschenverachtender und zynischer Weise missbrauchte.

Und Bedingung dieses Missbrauchs war kollektives Wegschauen: willentliches Verdrängen der Realität und Flucht in eine "moralisch" überhöhte Scheinrealität. Eine Flucht, die unfähig macht, das  Blendwerk der Scheinmoral zu durchschauen.

 

Fatal wäre, eine solche historische Erfahrung zu verdrängen, die uns zu Wachsamkeit mahnt, vor allem gegenüber jedem Anspruch von "Moral". Denn auch "der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert."

 Der tatsächliche Wert einer in Anspruch genommenen "Moral" ist nicht an bekundetem "gutem Willen" zu messen, sondern allein daran, was sie in der Realität konkret bewirkt, sowie an dessen Folgen.

 

In einer Zeit, in der "Fake news" und Verschwörungstheorien, per Internet viral verbreitet, in beängstigendem Maße um sich greifen, in der ein notorischer Lügner nicht trotz, sondern wegen seiner Lügen und mit Hilfe einer ausgrenzenden, chauvinistischen "Moral" amerikanischer Präsident werden konnte und weiter ungestraft sein Unwesen treibt, in einer solchen Zeit ist erhöhte Wachsamkeit mehr denn je geboten.

 

Es ist dabei nicht zu vernachlässigen, dass auch die hier behandelten "Ideen" und Methoden durchwegs (nach den Worten von Luise Pusch) aus einem Land "rübergeschwappt" sind und kritiklos übernommen wurden, das wie kaum ein anderes für unversöhnlichen Kulturkampf steht und in dem der zivilisierte gesellschaftliche Dialog faktisch zum Erliegen gekommen ist.

 

In welchem Maße hierbei auch Unversöhnlichkeit importiert wurde und wird, ist hier mehrfach zur Sprache gekommen. Grund genug für kritische Distanz und skrupulöse Überprüfung an der Realität.

 

 

So bliebe noch ein Wort, um Missverständnissen vorzubeugen.

Gegenstand der vorliegenden historisch-ideologiekritischen Analyse waren Methode und Selbstverständnis von Führungsfiguren "der Linguistik", die sich selbst in eine Vorreiterrolle für gewaltige gesellschaftliche Umwälzungen via "Sprachkritik" hineingesteigert haben.

 

Nichtsdestotrotz ist Überprüfung konkreter Vorschläge auch von dieser Seite wünschenswert und notwendig, sofern sie tatsächlicher sprachlicher Sensibilisierung dienlich sind. 

Dies freilich ist ein anderes Thema, das einer gesonderten Analyse bedarf.

 

Praktische Toleranz bedeutet, auch zu unterscheiden zwischen denen, die einen Irrweg vorgeben, und denen, die in gutem Glauben folgen.

Letztere sind durch diese Kritik nur insofern tangiert, als sie den Vorgaben gedankenlos folgen, ohne kritische Reflexion hinsichtlich der Machbarkeit, der Glaubwürdigkeit, aber auch gesellschaftlicher Folgen, wie etwa der Wirkung von Feindbildern.

 

Gerade deshalb ist Lessings Lehre von Toleranz und praktischer Moral, seine Mahnung, jeglichen Wahrheitsanspruch in Frage zu stellen und zu überprüfen, von allerhöchstem Wert. Denn dies erfordert vor allem kritische Selbstprüfung, die oft auch schmerzhaft ist.

Und dies vor allem, wenn das eigene Weltbild tangiert ist, wenn eigene Ideale okkupiert und scheinbar vertreten werden - im vorliegenden Fall Werte wie "Moral" und "Gerechtigkeit" -, die gewöhnlich politisch "linken" Traditionen zugerechnet werden.

 

Gerade deshalb ist, wer diese Werte vertritt, aufgefordert, besonders kritisch und selbstkritisch zu überprüfen, wie es ganz real und bezogen auf konkrete Fälle, mit diesem Anspruch steht.

Denn auch die Fähigkeit zu Selbstkritik  gehört zu "linkem" Selbstverständnis. So wie "Empathie" "Toleranz", "Gerechtigkeit", "Solidarität" und "Internationalismus".

 

 

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Anmerkungen:

 

 

1     Nathan der Weise, Reclam-Verlag, Nr. 3, S.72

 

2     https://wortbrunnen.wordpress.com/2020/09/18/gotthold-ephraim-lessing-uber-die-wahrheit/ :

 

3     Das Deutsche als Männersprache, a.a.O, S. 11         

 

4     Ebd. S. 70

       Vgl. Teil I de Analyse, S. 4 und Fußnote 8

 

5     Das Deutsche als Männersprache, a.a.O, S. 73

 

6     Ebd., S. 9  und 11.

       Vgl. dazu: Werner Engelmann, Die "feministische Linguistik" der Luise Pusch", Kapitel I

 

7     https://www.emma.de/artikel/fuehlen-sie-sich-mitgemeint-336301, 12.12.18

 

8     https://www.youtube.com/watch?v=GKwuyaTzxTg&t=1216s

 

9     Fausse Route, deutscher Titel: Die Wiederentdeckung der Gleichheit. Schwache Frauen, gefährliche Männer und andere feministische Irrtümer, 2004

   Vgl. dazu: Werner Engelmann, Identitäre Idologie und Sichtbarkeit in der Gendern-Bewegung, Teil III, 1: Patriarchat und dualistische Geschlechterbilder im 19. und 20. Jahrhundert und die Gendern-Bewegung

 

10   Das Deutsche als Männersprache, a.a.O, S. 107:

      "Die Feministische Kongruenzregel etabliert eine neue Harmonie. (...) Eine Welt, dir mit beiden Geschlechtern kongruiert (harmoniert), wird eine humane Welt sein."              

       Vgl.: Werner Engelmann, Die "feministische Linguistik" der Luise Pusch", Kapitel II: "Feministische" Utopien und das Problem mit der Realität.

 

11   Siehe Fußnote 8

 

 

 

 

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