Werner Engelmann
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projekt gendern-AnalyseN  - 2021/22

 

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Hinweise:

Bei diesen Texten handelt es sich um vorläufige Vorabdrucke im Hinblick auf eine spätere Veröffentlichung.

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Veröffentlichung ist ohne Rücksprache mit dem Autor untersagt.

 

 

1 Marc Twains "schreckliche deutsche Sprache" - Lust am Polemisieren

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Methodische Analyse im Vorblick auf Gendern-Analyse

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Hinweise zum Projekt "Gendern-Analysen"

 

- Die Abordnuung erfolgt in umgekehrter Reihenfolge zum Datum der Veröffentlichung: letze Veröffentlichung zuerst.

 

 

Werner Engelmann, 10.11.2021

 

Während unter den anderen Rubriken aktuelle bzw. bereits veröffentlichte Beiträge zum Gendern-Problem in unsystematischer Weise zur Diskussion gestellt werden, strebt das in dieser Rubrik veröffentlichte Projekt an, die wesentlichen Aspekte der Gendern-Problematik etwas systematischer zu erfassen. Die Erarbeitung wird sich über einen längeren Zeitraum erstrecken.

Die Diskussion der bereits veröffentlichten Teilbeiträge ist auch in dieser Rubrik möglich und erwünscht.

 

Zu Grundproblem und gesellschaftlicher Situation:

Die gemeinsame Sprache ist das wertvollste Gut der Kommunikation sowie des Selbst- und Weltverständnisses, das eine Sprachgemeinschaft zusammenhält. Jede Form der Veränderung oder des Eingriffs in die Sprache als System betrifft die Gesamtheit der Sprecher und ist vor dieser zu verantworten. Dies erfordert die Akzeptanz durch die Gesamtgesellschaft, und dies wiederum hat zur Voraussetzung eine möglichst breite gesamtgesellschaftliche Diskussion.

Eine solche hat aber in Deutschland in der nötigen Weise nie stattgefunden. Einzelne diskutierte Artikel in unterschiedlichen Printmedien bis Mitte 2020 oder "Leitfäden" des Genderns in universitären Kreisen erfüllen diese Anforderung in keiner Weise.

Nach diesem Zeitpunkt wurde "Sprachveränderung" eigenmächtig und nach eigenem Gusto exekutiert: von bestimmten Printmedien sowie von Kreisen, die sich selbst als "Vorhut" der Gesellschaft verstehen. Dies hat in der Folge zur Spaltung der Sprachgemeinschaft geführt.

Unter der Rubrik "Zur Diskussion: Gendern" (Datum; 13.10.2021) wird auf diese höchst problematische Vorgehensweise näher hingewiesen.

 

Zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation:

Es mag befremdlich klingen, in einer Zeit, in der die Gesellschaft mit existentiellen Problemen der Pandemie zu tun hat, dieser Problematik seine Aufmerksamkeit zu widmen.

Es ist aber zu beachten, dass dies ein längerfristig angelegtes Projekt ist und die Auswirkungen der eingeschlagenen Gendern-Strategien erst langfristig sichtbar und wirksam werden.

Die bereits festzustellende sprachliche Spaltung der deutschen Sprachgemeinschaft ist nur ein erstes Symptom einer drohenden weit gefährlicheren Weiterentwicklung zu einer Art Kulturkampf, wie er in den  USA (höchst problematisches Vorbild für Gendern-Aktivisten und -Aktivistinnen) bereits voll im Gange ist.

In der Rubrik "FR-Diskussionen: Gendern und Umgang damit" wird unter "Gendern aktuell, 21.8.2021" auf Versuche im Wahlkampf, insbesondere durch Friedrich Merz, hingewiesen, die Gendern-Problematik zum Zweck der Spaltung linker Parteien zu instrumentalisieren. Auch wenn dem zunächst kein Erfolg beschieden war: Dieser Politiker mit durchaus demagogischem Potential hat den Pferdefuß der Gendern-Bewegung erkannt, der sie von weiten Teilen der Bevölkerung isoliert und die Spaltung vorantreibt.

Derselbe Friedrich Merz schickt sich nun an, Vorsitzender der größten Oppositionspartei und Oppositionsführer zu werden. Unter diesen Bedingungen sind für die nächsten Jahre ähnliche Versuche, vielleicht in weit massiverer Weise (auch dies nach US-amerikanischem "Vorbild") zu erwarten, mit den genannten zu befürchtenden Folgen.

Einer solchen Gefahr vorzubeugen, der Gefahr der Vertiefung der Spaltung entgegenzuwirken, das setzt voraus, sich sachlich und selbstkritisch mit der Problematik auseinanderzusetzen, andere Sichtweisen zu respektieren und Gemeinsamkeiten der Sprachgemeinschaft im Auge zu behalten.

 

Zur Grundidee des Projekts:                                                  

Zu dem eben Genannten einen Beitrag zu leisten ist Hauptzweck dieses Projekts.

Dazu soll eine etwas umfassendere Analyse der wesentlichen Aspekte dieser Problematik erarbeitet und dabei die einzelnen Ergebnisse bereits im Prozess der Erarbeitung zur Diskussion gestellt werden.

Angestrebt wird die Veröffentlichung einer zusammenfassenden Gesamtanalyse, in die - bei Zustimmung - auch kritische Stellungnahmen zu diesem Projekt eingehen können. Bereits veröffentlichte Beiträge werden in diese Gesamtanalyse integriert.

 

 

 

 

 

 

20.11.2021

 

Im Folgenden wird der letzte gegenwärtig vorliegende Teil der "Gendern-Analysen" veröffentlicht.

Dieser stellt vielleicht mit den wichtigsten Teil dar.

1., weil fast die gesamte Gendern-Praxis darauf (als "theoretischem Fundament") aufbaut und insbesondere Anatol Stefanowitsch sich ausdrücklich darauf bezieht,

2., weil auch nach so langer Zeit kaum eine brauchbare Rezension vorliegt und

3., weil den peinlichen Lobhudeleien auf "Gendern"-Plattformen dringend eine kritische und sachlich ausgewiesene Rezension und Analyse entgegengestellt werden muss.

 

Dazu noch eine persönliche Bemerkung zu den Erfahrungen bei der Analyse:

 

Obwohl mir davor schon einige Informationen zur Autorin und zu Reaktionen bekannt waren, hat mich der im Folgenden beschriebene Radikalisierungsprozess doch erschüttert. Dies umso mehr, als es viele Hinweise dazu gibt, dass es sich hier nicht um ein persönliches Problem handelt. Und dass die zentrale Stellung der Autorin in der Gendern-Bewegung nicht auf die diskutablen Recherchen, sondern darauf zurückzuführen ist, was Luise Pusch euphemistisch "radikalfeministische Verve" nennt - im Klartext: auf eben diese, sich quasi im Selbstlauf vollziehende Radikalisierung.

 

Dies scheint also ein gesellschaftliches Phänomen zu sein, das sich in die Diskussion um "Fake-news", um vermeintlich unbeschränkte "Meinungsfreiheit" einfügt, für die es keine Fakten, keine Erkenntnis, sondern nur noch "Meinungen" gibt. Die nur noch vorab festgelegte, entschiedene "Parteilichkeit",  aber keine anerkannten Standards im gegenseitigen Umgang mehr kennt.

 

Angesichts dessen gab es während der Analyse, trotz der eingangs formulierten Selbstverpflichtung auf Sachlichkeit, keine andere Möglichkeit als bisweilen eine kritische ironische Distanz einzunehmen, insbesondere bei der erforderlichen verkürzenden Darstellung. Alles andere erschien als eine unangemessene Aufwertung und Verharmlosung.

Selbstverständlich muss auch solch eine Position sich der öffentlichen Kritik stellen, und dies geschieht hiermit. Kritische Stellungnahmen dazu sind willkommen.

 

Es versteht sich, dass daraus keine vorschnellen Wertungen bezüglich der noch ausstehenden Analyse der gegenwärtigen Praxis des Genderns abzuleiten sind. Die hier beschriebene Problematik wird sich aber nicht einfach bei Seite schieben lassen.

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Die Erarbeitung des noch fehlenden 3. Teils wird aus persönlichen Gründen voraussichtlich noch einige Zeit beanspruchen. Er wird zu gegebener Zeit nachgeliefert.

 

Die Textfunktion zum Herunterladen wird eröffnet, sobald die vollständige Version vorliegt.

 

Allen Freude und fruchtbare Gedanken beim Lesen!

 

Werner Engelmann

 

 

 

 

 

Die "feministische Linguistik" der Luise Pusch:

"Das Deutsche als Männersprache"

 

 

Werner Engelmann, 20.11.2021

 

Vorbemerkung:

 

Luise Puschs Aufsatzsammlung "Das Deutsche als Männersprache"1 gilt quasi als eine Art "Bibel" für Gendern-Gläubige. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Gendern-Bewegung ist folglich kaum möglich, ohne sich damit zu befassen.

 

Hier aber beginnt schon das Problem, denn man hat es streng genommen mit zwei Luise Puschs zu tun: einer wild polemisierenden, verallgemeinernden "radikalfeministischen" Aktivistin einerseits, die keinen Exzess scheut, und einer durchaus ernst zu nehmenden Linguistin andererseits.

Nun scheint aber auch bei letzterer immer wieder die Aktivistin durch. Das heißt, dass es nicht ausreicht, die beiden Komplexe bloß zu trennen.

Gelegentlich wird es auch nötig sein, die seriösen linguistischen Untersuchungen von ihren eigenen Wertungen zu befreien, sie im gewissen Sinn "gegen den Strich" zu lesen. Denn eine ernsthafte Analyse muss sich hüten, die beim untersuchten Gegenstand erkannten Fehler selbst zu wiederholen. Sie hat sich methodisch streng an wissenschaftlichen Standards zu orientieren.

 

Um den Blick frei zu bekommen für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den diskutablen Befunden der "feministischen Linguistik", dazu wäre zunächst - das freilich in aller Klarheit und Schärfe - eine Kritik des ungezügelten Aktivismus vorzunehmen. Dies ist Gegenstand des ersten und zweiten Teils der Analyse.

Die Auseinandersetzung mit diskutablen Untersuchungen zur deutschen Sprache erfolgt im abschließenden drittenTeil.

 

Dazu aber kommt noch ein weiterer Aspekt: die Notwendigkeit einer klaren Definition, was unter "Feminismus" resp. "feministisch" eigentlich zu verstehen ist.

Und hier stößt man auf einen weiteren grundlegenden Fehler von Luise Pusch. Zwar befasst sie sich selbst im Kapitel "Feminismus und Frauenbewegung"2 mit dieser Definition, allerdings nur  - so weit aber durchaus zu Recht -, um überkommene und in der Tat diskriminierende Definitionen abzuwehren.

 

Dass sie dabei höchst schlampig mit Geschichte umgeht, sei ihr verziehen. So. wenn sie behauptet:

"Zwar ging 1945 die Naziherrschaft zu Ende, nicht aber ihr massiver Antifeminismus. Der blieb uns erhalten bis heute." 3

Das ist natürlich Unsinn. Denn selbstverständlich hat es Antifeminismus - wenn auch nicht in der Begrifflichkeit - lange vor den Nazis gegeben. Und in dieser Geschichtsklitterung ist leicht der plumpe Versuch erkennbar, Kritiker - statt sie argumentativ zu widerlegen - mit Hilfe von Nazi-Assoziationen zu diskreditieren.

Eine, wie sich zeigen wird, durchaus charakteristische Vorgehensweise von Luise Pusch.

 

Wesentlicher aber erscheint eine Analyse der Definition von "Feminismus", die sie selbst vornimmt, sowie von deren Implikationen. Diese ist extrem kurz und knapp:

 "Feminismus ist die Theorie der Frauenbewegung." 4

 

Dazu unterscheidet sie zwischen der "älteren" oder "ersten Frauenbewegung" von 1848 bis 1933 und der "Neuen Frauenbewegung" (von ihr ´zeitlich nicht präzisiert) in der Folge der 68er-Bewegung. Der Schwerpunkt der ersten habe "im Praktischen, vor allem in der Organisation" gelegen. Demgegenüber sei "Theoriebildung" das "Spezifikum der Neuen Frauenbewegung". 5

 

Auf diese Weise wird, was sie als "den Feminismus" oder "die neue Frauenbewegung" in Deutschland versteht, bereits per definitionem und a priori als "legitime" Erbin und Fortsetzung der älteren Frauenbewegung inthronisiert: Eine definitorische Selbstermächtigung und ein Blankoscheck für alles, was immer unter diesem Label kommen mag - und sei es noch so kindisch.

 

Nur auf den ersten Blick aber ist dies eine "geniale" Form der Selbstlegitimation.

Wer Geschichte kennt, dem fallen da nämlich Analogien (in der Methodik, freilich nicht inhaltlicher Art) zu einer anderen historischen "Bewegung" ein, die auch per se "Wissenschaftlichkeit", "Parteilichkeit" und "Recht" für sich beanspruchte: dem "wissenschaftlichen Sozialismus" im DDR-Format.

Und dieser popularisierte seinen dogmatischen Anspruch mit Hilfe von Propagandaliedern der Art:

"Die Partei, die Partei, die hat immer Recht", und "begründete" den wie folgt: "Denn wer kämpft für das Recht, der hat immer Recht, gegen Lüge und Ausbeuterei."

Bliebe also nur noch die leicht zu erledigende Aufgabe, Beispiele zu finden für "Lüge" und "Ausbeuterei" der Gegenseite.

Und während den einen zu diesem Zweck der "ausbeuterische Kapitalismus" als Feindbild dient, finden Luise Pusch und die ihr Nacheifernden ihr Feindbild in der "deutschen Herrensprache".

 

Dies als Beispiel zur Veranschaulichung, in welche ideologischen Rechtfertigungszwänge man käme, ließe man sich auf eine derart definitorisch präformierte (und deformierte) Debatte ein.

Das aber kann ebenso wenig Zweck einer kritischen und konstruktiven Analyse sein wie eine - auch ungewollte - Diskreditierung der älteren Frauenbewegung oder auch des neueren Feminismus. Denn beide haben unbestreitbare Verdienste.

 

Um also solche Diskreditierung zu vermeiden, sei im Folgenden der Begriff "Feminismus" als neutrale Bezeichnung für beide Formen der Frauenbewegung verwendet. Insofern ist Luise Pusch noch zu folgen.

Deutliche Unterschiede ergeben sich allerdings bei der Bewertung der von ihr genannten Beispiele des deutschen "Feminismus", der (zumindest in der hier zu diskutierenden Spielart) unkritisch den Exzessen US-amerikanischer Vorbilder folgt und dementsprechend reichlich lächerliche sprachliche Produkte hervorbringt.

Der Anspruch eines solchen "Feminismus" als naturgemäße Weiterentwicklung und legitime Nachfolge der älteren Frauenbewegung wird hier entschieden bestritten.

Dies ist Gegenstand des zweiten Teils der Analyse.

 

Zur Unterscheidung von dem historisch verdienstvollen Feminismus wird letztere (hier zu diskutierende) Spielart des "Feminismus" in Deutschland, der sich durch seinen bloßen Anspruch definiert, im Folgenden in Anführungszeichen gesetzt.

 

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1  Luise F. Pusch, Das Deutsche als Männersprache, Suhrkamp Frankfurt/M. 1991 (22017)

2  Ebd., S. 129-134

3  Ebd., S. 131

4  Ebd., S. 134

5  Ebd.

 

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I. Luise Pusch und die viel zu großen Schuhe des Karl Marx

 

 

"Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert. Es kömmt darauf an, sie zu verändern." 1

So lautet die 11. Feuerbachthese von Karl Marx.

Sie wurde oft in der Weise fehlinterpretiert, dass Marx vermeintlich die gesamte Philosophie vor ihm ablehne. Dabei wird freilich das kleine, aber entscheidende Wörtchen "nur" übersehen. Keineswegs verurteilt Marx philosophische Ansätze vor ihm in Bausch und Bogen. Vielmehr wirft er ihnen vor, bei der bloßen Interpretation stehen zu bleiben und die daraus folgenden Konsequenzen nicht zu ziehen.

 

Sein eigener Anspruch ist freilich gewaltig, wenn er einen Hegel, der nicht weniger als den Schlüssel der gesetzmäßigen dialektischen Fortentwicklung der Welt gefunden zu haben meint,

im Sinne des dialektischen Materialismus "umstülpt" 2, ihn "vom Kopf auf die Füße stellt".

Diesem Anspruch wird Karl Marx insofern gerecht, als er, besonders in seinem Hauptwerk,

"Das Kapital", sich äußerst streng an eine wissenschaftliche Untersuchungsmethode hält.

Selbst, wenn er sich, z.B. bei der Beschreibung des Kapitalisten als "personifiziertes Kapital"3,  einer verkürzenden Begrifflichkeit bedient, bleibt seine Analyse ausschließlich nüchtern und sachlich.

 

 

Luise Pusch gilt mit ihrer Aufsatzsammlung "Das Deutsche als Männersprache" nicht nur als Mitbegründerin der "feministischen Linguistik", sie wird auch als Mentorin der Gendern-Bewegung gefeiert. Und so meint sie denn auch, in die Fußstapfen des großen Revolutionärs Karl Marx treten zu können.

So, wenn sie - äußerlich in ähnlicher Weise - mit der Linguistik vor ihr ins Gericht geht:

"Die herkömmliche Linguistik kritisiert Sprache nicht, sondern sie beschreibt sie. (...) Sprache ist aber kein Natur-, sondern ein historisch-gesellschaftliches Phänomen und als solches auch kritisier- und veränderbar. Nach Auffassung von Feministinnen nicht nur kritisierbar, sondern extrem kritikbedürftig - und reformbedürftig. Es bedurfte wohl radikalfeministischer Verve, Unbekümmertheit  Subjektivität und Parteilichkeit, um zu dieser Auffassung über Sprache zu kommen." 4

 

Korrekt ist zwar noch der Versuch von Luise Pusch - scheinbar wie Karl Marx - sich von bestimmenden linguistischen Prinzipien und Methoden abzugrenzen. Das ist ihr gutes Recht.

Bei genauerem Hinsehen zeigen sich aber fundamentale Unterschiede, welche eine Luise Pusch in ihrer pseudo-revolutionären Hybris in den viel zu großen Schuhen des großen Revolutionärs geradezu verschwinden lassen:

Zunächst ist schon die platte antagonistische Gegenüberstellung von "Natur- und historisch-gesellschaftlichen Phänomen" unhaltbar. Auch Marx hatte die letzteren zum Gegenstand der Analyse, was seiner unbestechlichen Sachlichkeit und seiner dialektischen analytischen Methode aber keineswegs entgegenstand, diese vielmehr im Gegenteil erforderte.

 

Doch wichtiger erscheint folgende fundamentale Fehleinschätzung von Luise Pusch:

Wohl gehört es zu den Grundsätzen moderner strukturaler Linguistik, den Gegenstand der Untersuchung,  hier "die deutsche Sprache", sachlich zu beschreiben und sich subjektivistischer Wertung zu enthalten. Doch ist dies nicht - wie sie meint - Selbstzweck, sondern notwendige Voraussetzung, um innere Strukturen erkennen zu können. Es gehört zu den fundamentalen Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens überhaupt.

Ihr Aufruf zum Kampf gegen "die deutsche Sprache" richtet sich zugleich gegen die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens und Denkens überhaupt: Vorweg eingenommene "Parteilichkeit" tritt an die Stelle der Bemühung um Objektivität, "radikalfeministische Verve" an die Stelle kühler, rationaler Überlegung: Subjektivistische Willkür ersetzt sachlich-abwägendes Denken.

 

Dieses verfehlte Wissenschaftsverständnis der Autorin erhält dazu noch einen nahezu grotesken Beigeschmack durch die dadurch bedingten methodischen Fehlleistungen:

Schon bei der Analyse von Marc Twains "schrecklicher deutscher Sprache" wurde auf das von diesem verwendete Mittel der Personifikation der Sprache hingewiesen. Beispiele bürokratischer Sprechweisen von Personen mit meist geringer Sprachkompetenz, denen es vorrangig um eigene Profilierung geht, werden von ihm auf "die deutsche Sprache" als System projiziert. Eitelkeiten und Widersprüche lebender Personen werden so zu vermeintlichen Merkmalen des ominösen und "schrecklichen" Wesens "deutsche Sprache".

Das mag bei einem Schriftsteller mit literarischen statt wissenschaftlichen Ambitionen noch angehen. Personifikation von Gegenständen oder Sachverhalten ist ein literarisches Stilmittel, das die Leser emotional ansprechen, sie selbst als Person in die Vorstellungswelt des Schriftstellers einbeziehen will.

 

Mit Hilfe eines solchen literarischen Stilmittels, das auf Fiktion und Emotion setzt, aber eine vermeintlich neue "wissenschaftliche" Disziplin, die "feministische Linguistik" etablieren zu wollen, das gerät aus wissenschaftlicher Sicht geradezu zum Desaster.

 

So führt denn auch in der Folge ein hemmungsloser Eklektizismus, als "pluralistischer Ansatz"5 verbrämt, zu einer nicht hinterfragten Vermengung unterschiedlichster Methoden und Disziplinen.

Deutlich wird dies, wenn das personifizierte Wesen "deutsche Sprache", das zuvor schon zwecks Anklage vor den Richterstuhl der Autorin gezerrt wurde, danach auch noch auf der Couch der "Therapeutin" Pusch landet.

Und so lautet der Untertitel zum grundlegenden Aufsatz "Das Deutsche als Männersprache" in dieser gleichnamigen Sammlung: "Diagnose und Therapievorschläge"6.

 

 

Es erscheint müßig, auf die Fülle von Ungereimtheiten und Exzessen eingehen zu wollen, die sich hier tummeln und selbst einem wissentlich verfassten Pamphlet zur Ehre gereichen würden. Es seien daher im Folgenden nur einige Beispiele aufgeführt.

 

Bezogen auf den oben genannten Eklektizismus sei darauf verwiesen, dass die Autorin es sogar für überflüssig hält, ihren Untersuchungsgegenstand exakter zu bestimmen und abzugrenzen.

So vermengen sich denn auch pausenlos Analysen von einzelnen Sprechakten oder erfundenen Textbeispielen mit pauschalisierenden Aussagen über "die deutsche Sprache" als Sprachsystem - für Luise Pusch Verkörperung einer "Herrensprache" in einer "Herrenkultur", die nichts weniger beabsichtigt als "die sprachliche Vernichtung der Frau"7.

 

Im Aufsatz "Von Menschen und Frauen"8 geht sie von einem dummen Spruch des Kanzlers Helmut Kohl unvermittelt zum Alten Testament der Bibel, Genesis 2, Vers 22 über: "Und Gott der Herr baute ein Weib aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm."

Und der Zweck der ganzen Übung erschließt sich dann in der "logischen" Folgerung im Schlusssatz des Kapitels: "Und weil das alles möglich, üblich und rechtens ist in unserer Sprache, sagen wir Frauen nein zu dieser Sprache."

Das hat nun mit "Linguistik" nicht einmal mehr im entferntesten etwas zu tun.

 

Bei solcher "Methodik" verwundert es nicht, wenn die Autorin selbst vor Geschmacklosigkeiten der Art nicht zurückschreckt, einem ihr verhassten Fachkollegen eins auszuwischen, indem sie ihn ironisierend zum Gegenstand einer linguistischen Analyse macht:

"Herr Kalverkämper ist eine wissenschaftliche Leuchte, über deren Ausführungen sich ihre Kolleginnen und Kollegen ziemlich gewundert haben." 9

Solche "Sensibilität" der Autorin sei zur gefälligen Beachtung den Bewunderern dieser Kronzeugin des Genderns empfohlen, welche nicht müde werden, mit der - sicher richtigen - Forderung nach "gendersensiblem Sprechen" radikal-sprachliches Revoluzzertum zu rechtfertigen.

 

Hier wird als Motivlage Rache an einem ihr verhassten Fachkollegen erkennbar, und darüber hinaus an verkrusteten "patriarchalen" Verhältnissen, konkret an der Universität Konstanz. Inwieweit dies berechtigt erscheint, sollte hier allerdings nicht zur Debatte stehen.

Zwei Hinweise mögen genügen, um die völlige Unangemessenheit ihres Vorgehens deutlich zu machen.

 

Zunächst straft sich die Autorin bei ihren vielfach hasserfüllten Ausfällen gegen die "Männerwelt" selbst Lügen.

So, wenn sie "Das Deutsche als Männersprache", den wichtigsten Beitrag ihrer Aufsatzsammlung, mit einem langen Zitat aus einer Anfrage eines Institutsleiters beginnt, der sich mit der Bitte um "einige Auskünfte aus weiblicher Sicht" an sie wandte.

Ein Schreiben, das folgende selbstkritische Reflexion enthält: "Als Mann bin ich für derartige Einstellungen nicht hinreichend sensibilisiert."

Ein Hinweis also, dass große Aufgeschlossenheit und Bereitschaft zu offener Diskussion über weibliche Belange - und das noch "von einem Mann" - schon zu dieser Zeit und auch gegenüber der Autorin existierten. Was einer Luise Pusch aber lediglich einen - eher hochnäsigen - Kommentar wert ist: "Ein wahrhaft bemerkenswerter Satz!" 10

Immerhin bewirkte dieses Schreiben den wohl einzig diskutablen Teil dieser Aufsatzsammlung.

Wegen seiner Bedeutung aufgrund des darin enthaltenen konkreten Vorschlags für eine sachliche und konstruktive Diskussion sei aber die inhaltliche Auseinandersetzung damit auf den 3. Teil dieser Analyse verschoben.

 

Zum zweiten sei an dieser Stelle eine persönliche Anmerkung erlaubt:

Der Verfasser dieser Analyse gehört selbst dem exakt gleichen Jahrgang wie Luise Pusch an.

Die eigene Sozialisation wie auch die berufliche Erfahrung erfolgte in einer überwiegend weiblich geprägten Umwelt. Und auch die Erfahrungen mit intellektuellen Kreisen sind weitgehend mit denen von Luise Pusch vergleichbar.

In keiner Weise aber kann die von Luise Pusch bis zum Exzess betriebene Aufspaltung der Realität in eine "Männerwelt" und eine "Frauenwelt" - angeblich sprachlich bedingt - bestätigt werden. Eigene Erfahrungen im Berliner, französischen, luxemburgischen und europäischen Schulsystem sowie mit Vertretern aller EU-Nationen im Rahmen von Sprachunterricht bei verschiedenen EU-Institutionen widersprechen - von wenigen Ausnahmen abgesehen - ganz entschieden ihren Pauschalurteilen.

In Kollegenkreisen waren, wie oben an einem Beispiel aufgezeigt, Respekt und Aufgeschlossenheit für weibliche Bedingungen und konkrete Lösungsansätze eher die Regel.

Auch hatte die Problematik von "Frauensprache und Männersprache" schon Ende der 70er Jahre Eingang in Unterrichtsmaterialien gefunden. Und im gymnasialen Unterricht des Verfassers dieser Analyse fand dies - neben soziologischen und linguistischen Aspekten der schichtenspezifischen Sprachforschung, der Psycholinguistik und insbesondere der Herausbildung und dialektischen Beziehung von Denken und Sprechen - regelmäßig Berücksichtigung.

 

So zeugt es von fundamentaler Unkenntnis der realen Bedingungen im föderalen deutschen Schulsystem, wenn Luise Pusch pauschal behauptet:

"Daß unsere Schulbücher heute patriarchalisch geprägt sind, ist seit langem bekannt und wissenschaftlich belegt - eine der wissenschaftlichen Leistungen der Frauenbewegung. Eine Entpatrifizierung ist jedoch nicht in Sicht und von den Herren in den Kultusministerien auch nicht zu erwarten, so wenig wie zu erwarten war, daß sich das Naziregime etwa selbst entnazifiziert hätte."11

Zeigt sich hier im (wiederholt bemühten) Nazivergleich eine sehr problematische Einstellung zu demokratischen Prozessen, die mit elitärer Selbsternennung zur "Avantgarde" der Gesellschaft einher geht, so verweist der (im nächsten Teil zu untersuchende) Begriff "Entpatrifizierung" auf ein weiteres entscheidendes Problem:

Wie eine Gesellschaft - oder hier eine Sprache - beschrieben bzw. "analysiert" wird, hängt nicht nur von deren So-Sein, sondern in hohem Maße auch von subjektiven Wahrnehmungen des Betrachters oder Analytikers, auch von dessen Voreinstellungen oder Vor-Urteilen ab. Diese Problematik, insbesondere das unbewusste Einfließen von Vorurteilen in den Prozess der Interpretation ("hermeneutischer Zirkel") ist in der Hermeneutik eines Hans-Georg Gadamer, insbesondere seinem Hauptwerk "Wahrheit und Methode" 12 - einem Standardwerk für jeden Sprach- und Literaturwissenschaftler - ausführlich behandelt.

 

Die Voreingenommenheit der Luise Pusch gegenüber der "Männerwelt", und daraus abgeleitet gegenüber der "deutschen Sprache", ist nahezu auf jeder Seite greifbar.

Und bereits in der Einleitung gibt sie selbst die - biografisch motivierte - Erklärung dazu:

"Meine - wie ich jetzt finde, reichlich späte - Bekehrung von der Sympathisantin zur Aktiven gelang schließlich einem Kollegen namens Kalverkämper." 13

Und später fügt sie dem hinzu:

"Ich selbst habe die Sprache des Patriarchats sehr lange als 'meine eigene' anerkannt und verteidigt. (...) Inzwischen bin ich gründlich eines Besseren belehrt worden. Das verdanke ich nicht nur diesen Frauen, sondern auch den Überreaktionen einiger Männer." 14

 

Nun ist ja das Phänomen plötzlicher "Erleuchtung" insbesondere aus dem Sektenwesen hinlänglich bekannt. Und man wird Luise Pusch - bei ihrer Vorliebe zu religiösen Mythen -  sicher nicht Unrecht tun, in dem von ihr selbst verwandten Begriff "Bekehrung" eine gezielte Analogie zum Apostel Paulus zu vermuten und im beschriebenen Vorgang selbst eine plötzliche Wandlung vom ungläubigen "Saulus" zur gläubigen "Paula".

Dabei bliebe freilich das Problem der Bewertung und die Frage, ob dies, dem christlichen Mythos entsprechend, nicht eher als fatale "Wandlung" in gerade entgegengesetzter Richtung gedeutet werden könnte.

 

 

Was inhaltliche wie sprachliche Exzesse bei Luise Pusch betrifft, ist die Zahl der zu nennenden Beispiele geradezu erdrückend.

Schon in der Einleitung wird so ein Tenor angeschlagen, dass kaum eine Hyperbel oder emotionsgeladene Ausdrucksweise ausreichend erscheint, um ihrem "feministischen" Furor angemessen Ausdruck zu verleihen. 

 

So etwa führt schon ein triviales Beispiel zu äußerst weitreichenden Konsequenzen:

"Wenn Ute Schülerin ist und Uwe Schüler, dann sind Ute und Uwe Schüler, nicht Schülerinnen."

Das mag, nach gängigem Sprachgebrauch, soweit korrekt sein.

Entscheidend aber sind die Folgen aus ihrer Begründung, welche - nach dem Prinzip der Personifikation - menschliches Handeln auf das System Sprache selbst projiziert. Und zu dem Zweck mutiert die "Linguistin" kurzerhand zur Hobby-Psychologin: "...denn Uwe verträgt das Femininum nicht."

Und aus der Uwe mittels Fernanalyse unterstellten "Allergie" gegen Weiblichkeit und der auf dem Fuße folgenden Verallgemeinerung entspringt die große "revolutionäre" Tat der Luise Pusch:

Denn da "bereits ein Knabe mittels seiner Allergie beliebig viele Mädchen sprachlich ausschalten kann", hat sie eine "Großaktion 'Rettet das Femininum' gestartet", welche "eine gezielte Allergie gegen das Maskulinum" befördern soll.

Wer sich aber über solcher Art "Logik" wundert, dem soll ein weiteres literarisches Stilmittel, die negativ verwendete Hyperbel, auf die Sprünge helfen: "Ein Wunder, daß wir überhaupt noch hin und wieder einem Femininum begegnen."15

 

Einer solchen kruden "Logik" bedarf es freilich, um die pauschale Behauptung aufstellen zu können, die durch alle Rechtfertigungen für "Gendern" geistert: Die Behauptung, dass Frauen sich generell in deutschen Texten gar "nicht gemeint fühlen" können: Die "schreckliche" deutsche "Herrensprache" lässt das einfach nicht zu.

 

Hier liegt der Ursprung für das vermeintliche "Recht auf Sichtbarkeit", das später einer ihrer "Bewunderer", der Linguist und Anglist Anatol Stefanowitsch, aus dem Hut zaubert und das in der Folge zum Mantra der Gendern-Bewegung avanciert. 16

Wie entlarvend und zugleich folgenreich diese Selbsternennung des heutigen Antreibers der Gendern-Bewegung zum Gesetzgeber ist, das wird in späteren Analysen aufgezeigt. Hier sei nur erwähnt, dass solche Hybris als selbsternannte "Avantgarde", elitärer Geist und messianischer Impetus neben Luise Pusch auch die ihr nachfolgenden Gendern-Ideologen kennzeichnen.

 

Fällt an dieser Stelle bereits auf, mit welcher Willkür Luise Pusch Textlinguistik, Systemlinguistik und pseudopsychologische Generalisierungen vermengt, so hält die Autorin in der Folge noch eine deutliche Steigerung parat:

Denn um dies zu "begründen", reicht selbst die Behauptung von der perfiden Absicht einer "sprachlichen Vernichtung der Frau" durch die deutsche Sprache nicht mehr aus. Dazu bedarf es schon eines Ausflugs in Kriminologie und Völkerrecht:

"...da ihr ("frau") dies Ausgeschlossensein in der Praxis keineswegs nützt, wird sie auch derartige Fälle als Symptome des generellen 'geistigen Gynocids' deuten müssen".

Im Klartext: Sprecher der deutschen Sprache gehören vor das Tribunal des Internationalen Strafgerichtshofs, und zwar egal, wie viele "eindeutig emanzipatorische Absichten" sie verfolgen.

Denn, so der Urteilsspruch von Luise Pusch: "Aber den besagten Gynocid begehen sie alle".17

Wer sich erst einmal auf diesen von der Autorin beschworenen Weg "radikalfeministischer Verve" begeben hat, für den - oder die - sind offenbar für Exzesse keine Grenzen mehr gesetzt.

 

Wolfgang Thierse hat in einem bemerkenswerten Interview auf den Zusammenhang solcher Exzesse mit dogmatischen ideologischen Einstellungen von "identitären" Gruppierungen extrem rechter sowie pseudo-linker Provenienz hingewiesen. 18

Und was in deren ideologischen Rundumschlägen heute die Runde macht und die Gesellschaft spaltet, das ist bei der Hobby-Psychologin Pusch schon deutlich angelegt:

"Identifiziertwerden ist also die Voraussetzung zur Gewinnung einer Identität, die wiederum die Voraussetzung für psychisches, soziales, wenn nicht sogar biologisches Überleben ist. (...) Frauen befanden und befinden sich aber häufig in der schizophrenen Lage, daß ihnen sogar die Identität 'menschliches Wesen' nicht bestätigt wurde oder wird." 19

 

Wäre diese vor Selbstmitleid und Opfer-Attitüde triefende "Analyse" richtig und würde sie tatsächlich die Bewusstseinslage von Frauen beschreiben, es wäre eine Bankrotterklärung weiblichen Selbstbewusstseins.

Der über ein Jahrhundert sich hinziehende aufopferungsvolle Kampf um Frauenwahlrecht hätte nie stattgefunden, ebenso wenig der bewundernswerte Kampf einer Elisabeth Selbert um den Einbezug von Frauen in die Formulierung von Art. 3 des Grundgesetzes. Und der einfache und doch höchst bedeutsame Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" (Art. 3, Abs. 2) stände nicht im Grundgesetz.

Dies aber wird Gegenstand der politischen Analyse sein.

 

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  1  Karl Marx: Thesen über Feuerbach. [Nach dem mit dem Marxschen Manuskript von 1845 verglichenen  Text der Ausgabe           von 1888] In: Karl Marx, Friedrich Engels: Ausgewählte Schriften in zwei Bänden. Band 2, Berlin 1955.

  2 Karl Marx: Das Kapital. Bd. I, in: MEW 23, S. 27

  3  Ebd., S.247 u.a.

  4  Ebd., S. 16

  5  Ebd., S. 31

  6  Ebd., S. 46

  7  Ebd., S. 9 und 11

  8  Ebd., S. 15-19

  9  Ebd., S. 36

10  Ebd., S. 47

11  Ebd., S. 82

12  Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. 4. Auflage. J.C.B. Mohr (Paul  Siebeck),                           Tübingen  1975

13   Das Deutsche als Männersprache, S. 11 f.

14  Ebd., S. 84

15  Ebd., S. 11

16  Stefanowitsch, https://www.tagesspiegel.de/wissen/warum-sprachwandel-notwendig-ist-der-professor-die-professor-das-professor/26155414.html

17  Ebd., S. 30

      Der aus dem Englischen übernommene Begriff "Gynocid" wird bei "Wiktionary" wie folgt definiert:

   "The killing of women and girls, especially considered as a social phenomenon."

    Im Deutschen wird meist der (auch aus dem Englischen übernommene Begriff "Femizid" gebraucht.

18  W. Thierse: "Wir haben einen Teil der Arbeiterschaft schon verloren", https://youtu.be/mrMj8_qmRdc                        Nähere Ausführungen  und Interpretationen dazu finden sich auf der Website von Werner Engelmann  (Google: Stichwort FR-Kommentare) in der Rubrik "FR-Diskussionen: Gendern und der Umgang damit",  in einer längeren Diskussion mit Martin Dietze; "Diskussion über den Umgang mit Robert Habeck", 23.4. - 21.5.2021, Untertitel "Zu 'linker' Identitätspolitik", 26.4.21 - 2.5.21.

19  Das Deutsche als Männersprache, S. 24f

 

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II. "Feministische" Utopien

und das Problem mit der Realität

 

 

Wer kennt nicht den utopischen Roman "1984" von George Orwell?

Hat der Renaissance-Autor Thomas Morus mit seinem Roman "Utopia" erst den Begriff der "Utopie" im positiven Sinn geprägt, so verkörpert der Roman"1984" den der negativen Utopie.

Die in ihrer Menschenverachtung alle Lebensbereiche umfassenden totalitären Systeme des Faschismus und des Stalinismus hat George Orwell erst begreifbar gemacht, indem er diese auf eine fiktionale, menschlich nachvollziehbare Ebene der negativen Utopie transponierte.

 

Doch durch den utopischen Entwurf des "Neusprech" hat der Roman auch in Hinsicht auf Sprachkritik überragende Bedeutung. In der Vorstellung des "Doppeldenk" eilte er sogar der Realität um viele Jahrzehnte voraus. Und nach der grotesken Verbrämung fortlaufender Lügen eines Donald Trump als "alternative Wahrheiten" hat der Roman neue Aktualität gewonnen.

 

In eine solche Reihe wäre auch der von Luise Pusch hochgelobte Roman "Die Töchter Egalias" der norwegischen Autorin Gerd Brandenberg einzuordnen.1 Wobei freilich noch zu diskutieren wäre, ob er als positive oder negative Utopie anzusehen ist.

Für Luise Pusch ist der Roman eindeutig positiv, auf eine recht bedenkliche Art.

 

Denn der Roman stellt eine scharfe, für sie auch "scharfsinnige Satire auf das Patriarchat" 2 dar.

So stellt  Luise Pusch in dem 1981 geschriebenen Aufsatz "Eine männliche Seefrau" fest.

Dabei entwirft die Autorin Gerd Brandenburg eine radikale "feministische" Gegenwelt, in der die "Machtverhältnisse" auf den Kopf gestellt werden, in der alles und jedes "feminisiert" ist:

Da "gebären zwar immer noch die Frauen die Kinder, aber die Männer bekommen sie - zur Pflege und Aufzucht." 3

Frauen vergewaltigen die Männer, denn die "Herrschenden" sind den "Frauschenden" gewichen, sie "erweiben" sich, statt sich zu "ermannen". Statt "patriotisch" denken sie "matriotisch", sie unterwerfen sich, statt sich als "Mensch" zu fühlen, einer "Wibsche" und fürchten sich vor "Luzia" statt vor dem "Teufel". 4 Kurz: Eine Welt, in der das Herz einer Luise Pusch geradezu aufblüht:

"In Egalia ist die Frau die Norm und der Mann die Abweichung, der Abhängige - politisch, sozial und, folgerichtig, auch sprachlich." 5

 

Nun bleibt ihr solche Begeisterung ja unbenommen. Handelt es sich doch um einen Roman, dem jegliche künstlerische Freiheit zugestanden werden soll. Und Utopie - sei es positiv oder negativ - ist durchaus ein hilfreiches Mittel, um den Blick auf die eigene Gegenwart zu schärfen.

 

So unterscheidet denn auch Luise Pusch - zunächst - zwischen Fiktion und Realität:

"Es ist jedoch nicht diejenige 'Frauensprache', die wir suchen und gerne haben wollen, eine Sprache also, in der sich Frauen 'einfach nur' als eigenständige Subjekte, kurz: als Menschen artikulieren (können)." 6

Dann aber wird ihr eigener Geschmack zum Maßstab für andere. Zum "Feind" wird, wer diese Nagelprobe nicht besteht und nicht in ihrem Sinne deutet, was darunter zu verstehen ist, sich "als Menschen (zu) artikulieren". Und mit wildem Furor reagiert sie auf die Bemerkung von zwei "guten Freunden" nach der Lektüre dieses Romans, "die Sprache sei ihnen zu penetrant":

"Penetrant, in der Tat - ist für uns Frauen diese Männersprache, und überhaupt alles." 7

 

Wie schnell für "radikalfeministische Verve" Fiktion zu Realität und Realität zu Fiktion wird, das wird in dem 1983, also 2 Jahre später geschriebenen Aufsatz deutlich: "Frauen entpatrifizieren die Sprache - Feminisierungstendenzen im heutigen Deutsch".

Was 1981 noch bloße Fiktion war, von der sie sich vorsichtig distanzierte, das ist für Luise Pusch 2 Jahre später bereits zum Mantra für die Schaffung eines nicht weniger radikalen "feministischen Neusprech" geworden.

 

Zu diesem Zweck definiert sie - in Erinnerung an die ehemalige Linguistin - eine ominöse "Kongruenzregel" (Hervorhebung von Luise Pusch):

"Immer zahlreicher werden die Beispiele, in denen Frauen, wenn sie über sich selbst und andere Frauen sprechen, die Radikalversion der feministischen Kongruenzregel anwenden. Sie lautet:

Verwandle alle maskulinen Personenbezeichnungen in feminine, sofern sie sich in irgendeiner Form auf Frauen beziehen."

Und als Beispiele gibt sie an, dass so schreckliche Wörter wie "freundlich", "Freundschaft" oder "sich anfreunden" definitiv aus dem deutschen Wortschatz zu eliminieren seien. Die "feministische Heilsbotschaft" wird allein mit Begriffen wie "freundinlich", "Freundinnenschaft" oder "sich anfreundinnen" verkündet. 8

 

Schon davor (1979) hat sie freilich, bezogen auf den angelsächsischen Sprachbereich, der völligen Eliminierung der Männlichkeit aus der Geschichte das Wort geredet und der Umwandlung von "History" zu "Herstory" beste Chancen eingeräumt. 9

So wundert es auch nicht, dass sie nun begeistert die Welle des "entpatrifizierten" Neusprech begrüßt, die sich in Frauenzeitschriften wie "Emma" oder "Courage" in der Nach-68er-Zeit austobt: Die "Helferinnenrolle" ist abgelegt: Nun wird "heldinnenhaft", in "Siegerinnenpose" 10 die frohe "feministische" Botschaft verkündet.

Verteidigte Luise Pusch "früher" noch die "umständliche" Doppelbenennung mit dem Argument, dass, "wo es um Menschenrechte geht, 'ökonomische' und Eleganz-Erwägungen keine Rolle spielen sollten" 11, so heißt diese Botschaft nun - Menschenrechte hin oder her -, alle Hinweise auf Männlichkeit auszumerzen, wo immer es nur geht: Denn die neue Welt ist weiblich.

Nur noch in ihrer Fantasie sind hier Männer "Bürgerinnen erster Klasse" und meinen, "die besseren Mathematikerinnen" zu sein. 12

In dieser Welt haben dann selbst Silben keinen Platz mehr, die auch nur im entferntesten an Männlichkeit erinnern. Und da die Silbe -er auch im verallgemeinernden Pronomen "wer" steckt, wird dieses kurzerhand zu "wie" feminisiert:

"Wie glaubt, sie sei mit 'wer' gemeint, die irrt sich aber!" 13 - Was schert frau sich auch um Verständlichkeit, wenn es darum geht, der Männerwelt den Garaus zu machen!

 

Bei einer so rasanten, im Selbstlauf weiterschreitenden Radikalisierung wundert es auch nicht mehr, dass selbst die offensichtliche Ähnlichkeit zu pubertärem Verhalten einer Luise Pusch nicht mehr peinlich ist.

Pubertierende pflegen sich von der Erwachsenenwelt abzugrenzen, indem sie ihre eigene Jugendsprache schaffen. Von Erwachsenen nicht verstanden zu werden, wird hier nicht in Kauf genommen, es ist vielmehr der eigentliche Zweck in diesem Prozess der Selbstfindung zu eigener "Identität".

Wie es scheint, hat diese Spielart des "Feminismus" ihre pubertäre Phase aber noch lange nicht überwunden.

 

In einem Vorgriff auf spätere Analysen sei auf Folgendes verwiesen:

Hier wird deutlich, dass das oben angesprochene Postulat eines angeblichen "Rechts auf Sichtbarkeit" durch Anatol Stefanowitsch 14 auch nicht - wie suggeriert - aus dem Grundgesetz oder gesetzgeberischer Gewalt resultiert.  Er leitet sie vielmehr aus einer quasi "revolutionären" Allgewalt ab, die - nicht nur von ihm - einer Luise Pusch zugebilligt wird:

"Die Radikalversion der feministischen Kongruenzregel revolutioniert spielend das gesamte ehrwürdige System der deutschen Wortbildung. Auf der Ebene der Sprachpolitik leistet sie ähnliches wie spektakuläre feministische Aktionen: Sie sichert uns einen hohen Aufmerksamkeitswert, indem sie für unüberseh- und hörbare weibliche Präsenz sorgt." 15

 

Unverblümt wird hier der eigentliche Zweck der geforderten radikalen "Sprachreform" ausgesprochen: Sprache hat nichts mehr mit gegenseitiger Verständigung zu tun. Sie dient lediglich als Mittel zum Zweck der Propaganda, realisiert in Form der Erhöhung des "Aufmerksamkeitswerts" für die eigene, "feministische" Weltsicht.

Und zu diesem Zweck erscheint der Gendern-Bewegung auch die sprachliche Enteignung einer ganzen Sprachgemeinschaft durch eine selbsternannte "Elite" gerechtfertigt. Und dabei werden durchaus auch totalitäre Tendenzen sichtbar.

 

Besser als hier von der eigenen Kronzeugin kann auch die verlogene pseudo-linguistische Begründung von Anatol Stefanowitsch, ebenso die Behauptung der Gendern-Bewegung von der Notwendigkeit einer "Sprachreform" zum Zweck der "Sensibilisierung für Gender-Gerechtigkeit" nicht entlarvt werden.

Eine Selbstentlarvung, die auch bei der späteren Bewertung der gegenwärtigen Praxis des Genderns in Gegenüberstellung von Anspruch und Wirklichkeit zu berücksichtigen sein wird.

 

Die Mittel von Propaganda, die das Blaue vom Himmel versprechen, sind bekannt.

So verwundert es nicht, wenn auch Luise Pusch schließlich quasi den geraden Weg in das "feministische" Paradies auf Erden verkündet.

Und auf diesem "revolutionären" Weg bedarf es nicht einmal beschwerlicher Auseinandersetzung mit der realen Welt. Er erfordert allein die Anwendung ihrer "feministischen Kongruenzregel" durch "die Frau" - mit der ihr eigenen "radikalfeministischen Verve", versteht sich. (Hervorhebungen von Luise Pusch):

"Endlich beginnt sie selbst zu sprechen, die Welt zu ordnen und zu benennen nach ihrem Maßstab. Sie bezeichnet sich selbst und andere Frauen nicht mehr mit einem Maskulinum. Die Feministische Kongruenzregel etabliert eine neue Harmonie. Mit der sanften Gewalt des Wassers unterspült sie die Fundamente der Sprache des Patriarchats und damit des Patriarchats selbst.

Eine Welt, die mit beiden Geschlechtern kongruiert (harmoniert), wird eine humane Welt sein." 16

 

Die Assoziation zum Schöpfungsbericht (Genesis, Kapitel 1, Vers 28) mit der Aufforderung von Gott an die Menschen "Macht euch die Erde untertan!" ist wohl nicht zufällig. Nicht nur die eingangs aufgezeigte Faszination der Luise Pusch vom Schöpfungsbericht spricht dafür. Auch in der "feministischen" Uminterpretation des patriarchalen Gottesbildes zur "Göttin" ist in Ansätzen die hier erkennbare Phantasmagorie schon angelegt.

Wie sich in der Bibel der Mensch die Welt "nach seinem Bilde" schafft, so wird nun die zu errichtende Gegen-Welt zum Patriarchat neu erschaffen, durch "radikale Feministinnen", und "nach ihrem Maßstab" - und das allein durch die subversive Kraft einer radikal veränderten, "feminisierten" Sprache!

 

Marx ist von gestern. Mit ihm auch das Bestreben um Veränderung der Welt, das sich auf ihn beruft, das zunächst das Verstehen dieser Welt in ihrem So-Sein und dann die Auseinandersetzung mit ihr zur Voraussetzung hat.

Das "wahre" künftige Paradies wird an "feministischen" Schreibtischen und in Redaktionsstuben von Frauenzeitschriften geschaffen, den neuen Zentren des "wahren Humanismus".

 

Von der hier nun augenfällig werdenden Hybris abgesehen:

Die derart im mythologischen Rekurs geschaffene "schöne neue Welt" der Luise Pusch wäre freilich nicht nur einer Realitätsprüfung zu unterziehen.

Es geht auch um die grundlegende Frage der Bewertung eines solchen Weges, auch in ethisch-moralischer Hinsicht: Nicht umsonst ist der mit "Schöne neue Welt" betitelte Roman von Aldous Huxley - neben "1984" von George Orwell - als herausragendes Beispiel negativer Utopie bekannt.

 

Zu einfach wäre es, diese Phantasmagorie einer Luise Pusch - welche ja auch die einer ganzen, neben den USA auch in Deutschland verbreiteten Spielart des "Feminismus" ist - als "märchenhaft" abzutun. Denn einen solchen Vergleich hätten Märchen nicht verdient:

Im Gegensatz zu diesen ist dem Märchenautor sehr wohl bewusst, dass seine Märchen nicht Wirklichkeit ersetzen, dass sie vielmehr Wirklichkeit interpretieren, in einer ungewöhnlich erscheinenden Weise: Indem sie auch unbewusste (Traum-)Sphären mit in die Betrachtung einbeziehen, die gewöhnlich dem Bewusstsein entzogen sind, indem sie psychologische Realität in symbolischer Form abbilden, gewinnen Märchen überzeitliche Bedeutung.

Dies wird auch in einer Vielzahl von psychoanalytischen Interpretationen von Grimms Märchen durch den Psychoanalytiker und Theologen Eugen Drewermann deutlich. 17

 

Dies wissend, käme kein Leser von Märchen auf die Idee (sofern er sie nicht als bloße Geschichten für Kinder abtut), einen Märchenautor des Realitätsverlusts zu bezichtigen.

Ein Vorwurf, der hier aber sehr wohl im Raume steht.

 

Welche interpretatorische Kraft der Fiktion von Märchen innewohnen kann, hat der Schweizer Autor Peter Bichsel in der Kurzgeschichte "Ein Tisch ist ein Tisch" gezeigt, die wie eine Voraussage des Schicksals einer solcher Phantasmagorie erscheint:

Ein alter Mann beginnt aus Langeweile die Dinge seines täglichen Lebens umzubenennen. Doch was mit Kreativität und Spaß begann, endet in Isolation und Vereinsamung:

"Der alte Mann im grauen Mantel konnte die Leute nicht mehr verstehen, das war nicht so schlimm. Viel schlimmer war, sie konnten ihn nicht mehr verstehen. Und deshalb sagte er nichts mehr. Er schwieg, sprach nur noch mit sich selbst, grüßte nicht einmal mehr."

 

Es erscheint nicht überflüssig, kurz die wesentlichen Elemente dieser Kurzgeschichte aufzuzeigen:

Sprache verleiht in ihrer Funktion des Benennens ("Denotation") dem Menschen Macht über die Dinge, die ihn umgeben: Er löst sie mit der Bezeichnung aus ihrem Kontext heraus, macht sie begrifflich handhabbar und befreit sich so selbst aus seiner Abhängigkeit.

Zugleich aber ist Sprache in ihrer kommunikativen Funktion das mit Abstand bedeutendste Bindeglied zwischen dem einzelnen Menschen und der Sprachgemeinschaft. Dies aber nur, solange die Kommunikationsfähigkeit untereinander erhalten bleibt. Die einzelnen Mitglieder einer Sprachgemeinschaft haben daran teil. doch dies verleiht ihnen nicht die Macht über die Sprache selbst, noch haben sie als einzelne ein "Recht", diese zu verändern.

Der entscheidende Irrtum des "alten Mannes" in der Kurzgeschichte ist, seine Teilhabe an der Sprache mit Macht über sie zu verwechseln. Und indem er seine Macht über Dinge ausdehnen will auf die Sprache, indem er seine "eigene" Sprache schafft, verliert er notwendiger Weise zugleich den Kontakt zu den Menschen: Er isoliert sich selbst.

 

So verweist diese Kurzgeschichte auch auf den entscheidenden Trugschluss einer Luise Pusch, wie auch der ihr nacheifernden "feministischen" Zirkel - und damit wohl auch weitgehend der Gendern-Bewegung: Ihre elitäre Selbstüberhebung, ihre Anmaßung, Sprache im Alleingang, gegen die Sprachgemeinschaft oder zum Zwecke ihrer Belehrung zu beherrschen und nach ihrem Bilde verändern zu können und zu dürfen, schlägt auf sie selbst zurück: Dies ist Ausdruck des eigenen Eskapismus und führt zugleich weiter in die Selbstisolation hinein.

 

 

So verbleibt in diesem Abschnitt letztlich noch die Frage der Bewertung dieser Spielart des "Feminismus".

Dazu sind bereits verschiedentlich Elemente aufgezeigt worden:

So ist "Selbstisolation" als Merkmal und Ergebnis eines pubertär erscheinenden "Feminismus" in der vorab beschriebenen Weise in zweierlei Hinsicht zu verstehen: historisch als Isolation von der "älteren" Frauenbewegung, geografisch und aktuell als Isolation von internationalen Emanzipationsbewegungen weltweit und vor allem in Europa.

 

Zur Selbstisolatin in historischer Hinsicht:

Unter "Vormerkung" wurde hier die "Definition" von "Feminismus" nach Luise Pusch zitiert:

"Feminismus ist die Theorie der Frauenbewegung."

Diese "Definition" erscheint nun, im Nachhinein geradezu als Beleidigung der älteren Frauenbewegung: in ihrem Kampfeswillen, aber auch ihrem Realismus und damit mit ihren Verdiensten: Zwischen "Theoriebildung" und Selbstergötzung in sprachlichen Exzessen besteht ein himmelweiter Unterschied. Und sich anhand reichlich lächerlicher Beispiele sich selbst als "legitime" Erben dieses verdienstvollen Feminismus einzusetzen, das bestätigt nur den oben vermuteten Realitätsverlust.

 

Zur Selbstisolation in der Gegenwart:

Dieser Aspekt bezieht sich nicht nur auf die Isolierung gegenüber der Sprachgemeinschaft insgesamt, sondern auch gegenüber anderen Emanzipationsbewegungen und realistischen Erscheinungsformen des Feminismus, vor allem in Europa.

Für diese steht etwa die französische Feministin Elisabeth Badinter. Diese  kritisiert vehement einen rückwärtsgewandten "Feminismus" amerikanischer Prägung, der "die komplexe Wirklichkeit übersieht". Und der mit der Vorstellung einer "in Mann und Frau gespaltenen Menschheit (...) bald wieder auf die längst überholte Definition der weiblichen Natur zurück führt". 18

Inspiriert von Simone de Beauvoir, vertritt sie jene Richtung des Feminismus, welche die Gleichheit der Geschlechter und den Universalismus betont. Sie setzt sich für Menschenrechte ein und kämpft für Frauenrechte in der Realität. Denn "...durch die Gleichheit der Geschlechter hört der Kampf zwischen ihnen auf und macht einem gegenseitigen Verständnis und Vertrautheit Platz." 19

Universelles Denken, das längst auch von deutschen Feministinnen und Linguistinnen geteilt wird. So Nele Pollatschek, wenn sie betont:

"Der Weg zu Gleichheit ist Gleichheit. Wer will, dass Männer und Frauen gleich behandelt werden, der muss sie gleich behandeln und das heißt, sie gleich zu benennen." 20

 

Der hier angesprochene Rückfall in Geschlechterkampf-Kategorien ist bei Luise Pusch und den von ihr zitierten Vertretern und Vertreterinnen des "Feminismus" der 80er Jahre in Deutschland mit Händen zu greifen.

Doch nicht nur das. Auch theoretisch diskreditiert Luise Pusch sich selbst, wenn sie behauptet (Hervorhebung von Luise Pusch):

"Erstens ist Sprache, Sprechen, sprachliches Handeln heute wohl der zentrale Bereich dessen, was so 'Realität' genannt wird, zweitens hat nie eine feministische Sprachkritikerin behauptet, nur die Sprache ändern und den Rest dem gewöhnlichen patriarchalischen Lauf der Dinge überlassen." 21

Denn zum ersten ist eine derart diffuse Vorstellung des Verhältnisses von Sprache und Wirklichkeit einer ehemaligen Linguistin unwürdig, und zum zweiten sind die Belege für ihr reales Wirken wie auch von den von ihr zitierten Sprachfanatikerinnen nicht gerade Legion.

 

 

Nun sind seither freilich 40 Jahre vergangen - Zeit genug für Nachdenken und gründliche Reflexion. Das aber setzt Bereitschaft und Fähigkeit zu selbstkritischer Reflexion voraus.

Eine Tugend, die allerdings auch bei Aktivisten und Aktivistinnen der gegenwärtigen Gendern-Bewegung nicht zu beobachten ist.

Nun sei aber in dieser Hinsicht hier kein voreiliges Urteil gefällt.

Die Beurteilung der aktuellen Formen der Gendern-Bewegung sei vielmehr einer gründlicheren späteren Analyse und einer darauf aufbauenden begründeten Beurteilung überlassen.

 

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  1  Ebd., S. 69-75

  2  Ebd., S. 69

  3  Ebd., S. 71

  4  Ebd., S. 73

  5  Ebd., S. 70

  6  Ebd.,  S. 70

  7  Ebd., S. 74 f.

  8  Ebd., S.104 f.

  9  Ebd., S. 33

10  Ebd., S. 105

11  Ebd., S. 96

12  Ebd., S. 97

13  Ebd., S. 91

14   siehe Stefanowitsch, Teil I, Fußnote 16

15   Ebd., S. 106

16   Ebd., S. 107

17  Zu den bekanntesten dieser psychoanalytischen Interpretationen gehören Aschenputtel, Dornröschen, Hänsel und Gretel, Der Wolf und die sieben Geißlein, Rapunzel.

Der Verfasser dieser Analyse hat Eugen Drewermann persönlich kennengelernt und ihm, nach einem  längeren Gespräch über die Interpretation des Märchens "Marienkind" (in der eine kritische Position  zum "Mariendogma" der römisch-katholischen Kirche erkennbar ist), den dritten Band seiner Roman- Trilogie "Maria" (Untertitel: Bilder und Märchen für Erwachsene aus der Mitte des 20. Jahrhunderts)  gewidmet.

18   Élisabeth Badinter, "Fausse Route", 2003, deutsch: "Die Wiederentdeckung der Gleichheit. Schwache Frauen, gefährliche Männer und andere feministische Irrtümer", 2004

19   Élisabeth Badinter, "L'un est l'autre" (1986), deutsch: "Ich bin Du"

20     https://www.tagesspiegel.de/kultur/deutschland-ist-besessen-von-genitalien-gendern-macht-die-diskriminierung-nur-noch-schlimmer/26140402.html)

21    Das Deutsche als Männersprache, S. 83

 

 

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III. Teil folgt

 

 

 

 

Marc Twains "schreckliche deutsche Sprache"

oder die Lust am Polemisieren

 

Werner Engelmann, 11.11.2021

 

Wer sich mit dem Mittel der Methodenkritik mit grundlegenden Irrtümern von Gendern-Propagandisten, so auch deren Mentorin, Luise Pusch und deren Hauptwerk, "Das Deutsche als Männersprache", auseinandersetzten will,  der tut gut daran, seinen Blick auf die deutsche Sprache zuvor an dem in Deutschland überaus beliebten Pamphlet des amerikanischen Schriftstellers Marc Twain 1 zu schärfen. Denn die Analogien bezüglich der methodischen Herangehensweise sind frappierend - um nicht zu sagen: erschreckend.

 

Der Hass und die Verachtung, mit denen sich Marc Twain über sein Sujet, die deutsche Sprache, auslässt, schimmern unentwegt durch die teilweise durchaus amüsante satirische Überspitzung hindurch.

Wichtiger aber erscheint ein anderer grundlegender methodischer Irrtum:

die Personifikation der deutschen Sprache. Offenbar braucht er einen personifizierten Gegner als Feindbild, an dem er sich auslassen kann. um eigene Erfahrungen und Probleme zu bewältigen.

 

So etwa zitiert er mit diebischem Vergnügen einen fast seitenlangen Schachtelsatz aus einem wohl grässlichen Roman, in dem der Autor seine "Fähigkeit" zu möglichst komplizierter Ausdrucksweise demonstriert. 2 Jeder auch nur einigermaßen stilbewusste Mensch würde darin dümmliche Arroganz eines mittelmäßigen Schreiberlings erkennen. Marc Twain dagegen dient dies als "Beweis" für das "Schreckliche" seines Lieblingsfeindes, der deutschen Sprache.

 

Es fällt ihm nicht ein, nach dem Sinn einer Grundstruktur des deutschen Satzes zu fragen, der - ähnlich wie im Niederländischen oder in nordischen Sprachen -  durch eine Verbklammer zusammengehalten wird.

So etwa kann in einem Satz wie "Heute ist für dich ein Brief angekommen" an Stelle des "heute" jeder andere nominale Satzteil, also "für dich" oder "ein Brief" an die betonte Spitzenstellung gesetzt werden. Eine sehr sinnvolle Grundstruktur des deutschen Satzbaus, der auf sehr einfache Weise eine außerordentliche Flexibilität in Ausdruck und Betonung ermöglicht, die es so in anderen Sprachen nicht gibt. Dies ist Ausdruck der "inneren Form des Deutschen" 3, wie der große Schweizer Sprachwissenschaftler und Germanist Hans Glinz in seinem gleichnamigen Werk betont.

Solche inneren Gesetzmäßigkeiten der Sprache zu erforschen und ihren Sinn zu verstehen, das ist freilich nicht die Absicht von Autoren oder von Lesern, die sich an bloßer Polemik ergötzen.

 

Bekannter ist das Beispiel, mit dem Marc Twain die vermeintliche Verachtung der Deutschen gegenüber jungen Frauen - ob "Fräulein" oder "Mädchen" - zu "belegen" sucht:

"Im Deutschen hat Fräulein kein Geschlecht, während eine weiße Rübe eines hat. Man denke nur, auf welche übertriebene Verehrung der Rübe das deutet und auf welche dickfellige Respektlosigkeit dem Fräulein gegenüber. (...) Es ist wahr, daß im Deutschen durch irgendein Versehen des Erfinders der Sprache eine Frau weiblich ist, aber ein Weib nicht - was bedauerlich ist. Ein Weib hat hier kein Geschlecht, sie ist neutrum." 4

 

Es bedarf keiner besonderen linguistischen Kenntnisse, um zu erkennen, dass Marc Twain hier einem grundlegenden Irrtum aufsitzt: der Verwechslung von natürlichem Geschlecht (Sexus) und grammatischem "Geschlecht" (Genus). Einem Irrtum freilich, mit dem er in den Reihen von Gendern-Propagandisten zahllose Nachfolger findet.

So ist das "neutrale" Genus in "Fräulein" nicht bedingt durch die Bedeutung des Wortes, sondern durch das Diminutiv der Nachsilbe "-lein", nicht anders als bei "das Männlein" oder "das Männchen".

 

Auch wenn bei "das Weib" etymologisch nicht ausgeschlossen ist, dass - bedingt durch die feudale Gesellschaft - in das Wort ursprünglich eine Form von Besitzanspruch und eine gewisse Missachtung eingeflossen ist, so ist dies für die moderne strukturale Linguistik ebenso bedeutungslos wie nach der Psycholinguistik für die heutigen Sprecher.

Das sprachliche Zeichen ist nach de Saussure, dem Begründer der strukturalen Linguistik, im Prinzip "arbiträr". Und das heißt, dass die sprachliche Form keinen Schluss auf die Bedeutung zulässt, und dies gilt weitgehend auch für die Zuordnung des grammatischen Genus.

 

Zwei Beispiele, wie Ignoranz sich selbst entlarvt, wenn ein extrem subjektiver Zugriff auf sprachliche Phänomene und Lust an Polemik ein seriöses Erkenntnisinteresse, also das Verstehen von inneren Zusammenhängen überlagern oder gar verdrängen.

Ein Befund, der auch als Maßstab an die Untersuchung der Gendern-Praxis wie an deren theoretischen Fundierung in "Das Deutsche als Männersprache" von Luise Pusch anzulegen ist.

 

Ein letzter Aspekt wäre zu bedenken:

Man stelle sich vor, irgendein ausländischer Schriftsteller hätte sich in ähnlicher Weise über die französische Sprache ausgelassen. Ein Aufschrei der Empörung ginge durch Frankreich.

Für jeden Franzosen und jede Französin ist selbstverständlich, dass Französisch ein Synonym für "Klarheit" ist.  Die "Pflege" der französischen Sprache ist nicht nur der "Académie Française" zur Überwachung überantwortet, sie wird auch über Rundfunk und Fernsehen, z.B. in Diktaten, geübt, an denen sich Millionen beteiligen.

 

In Deutschland dagegen findet ein Pamphlet wie das von Marc Twain gegen die eigene Sprache nicht nur Beachtung, sondern auch größten Beifall. Und dasselbe gilt wohl (wie zu zeigen sein wird) auch für Luise Pusch.

Ein Phänomen, das nicht nur den Verdacht erregt, dass hierbei eine gehörige Portion Masochismus mitschwingt. Das auch die Frage nach einem möglicherweise gebrochenen Verhältnis in Deutschland zur eigenen Muttersprache aufwirft.

 

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1  Marc Twain, The Awful German Language - Die schreckliche deutsche Sprache, Berlin (Aufbau-Verlag) 1963, 13. Auflage 2020

2  Ebd., S.21

3  Hans Glinz, Die innere Form des Deutschen, Bern 11952

4  Marc Twain, a.a.O., S.31,35               

 

 

 

 

 

 

Zum Projekt "Gendern-Analysen"

Vorwort

    

 

Werner Engelmann, 10. 11. 2021

 

Wer, wie hier, umfangreiche Analysen zum Gendern-Problem starten will, der sollte sich schon im Vorfeld einige Gedanken machen: nicht nur über die eigene Zielstellung, sondern auch über die möglichen zu untersuchenden Fragestellungen und Objekte und darüber hinaus über Abwehr von Versuchen der Instrumentalisierung.

 

Die  Zielstellung  der anvisierten Analysen in mehreren Folgen ist, allgemein gesprochen, einen konstruktiven Beitrag zu leisten zu einer breiten Diskussion über ein Problem, das die Gesellschaft - in diesem Fall die Sprachgemeinschaft - spaltet und zu weiteren Verwerfungen zu führen droht. Dazu gehört auch eine ideologiekritische Analyse, welche die dafür maßgebenden, ideologisch bedingten oder aus bloßem Bauchgefühl erwachsenen Voreinstellungen aufzuzeigen hat.

 

Die zu untersuchenden Fragestellungen und Objekte schon von vornherein detailliert aufzuführen, wäre wenig sinnvoll. Festzulegen sind aber die prinzipiellen Schwerpunkte der Analyse und die anzuwendenden Methoden.

 

Methodische Herangehensweise ist zunächst die exemplarische linguistische Analyse der Praxis des Genderns sowie deren theoretischen Begündungen, darüber hinaus aber auch der weiterreichenden Folgen für das Sprechsystem wie für deren Sprecher.

Dies ist zu ergänzen durch eine politische Analyse, welche sich mit Beweggründen der Sprecher für die jeweiligen Positionen befasst, aber auch Gründe etwa für dogmatische Verhärtungen aufzeigt.

Und schließlich sollen, darauf aufbauend, Möglichkeiten einer anderen Interpretation des sprachlichen Befunds und mögliche Kompromisslinien aufgezeigt werden, welche nicht zu so verheerenden Auswirkungen auf die Sprache führen.

 

Nicht verschwiegen sei, dass die anstehenden Analysen kritisch gegenüber der gegenwärtigen Praxis des Genderns sein werden:

Dies erscheint notwendig: Einerseits aus einer gesellschaftlichen Verantwortung heraus, welche sich nicht auf Sichtweisen einer selbsternannten "Elite" beschränken darf, sondern die Belange aller Sprecher der Sprachgemeinschaft im Auge haben muss.

Andererseits basiert diese Untersuchung auch auf persönlichen Erfahrungen: theoretischer Art durch ein abgeschlossenes Germanistik- und speziell Linguistik-Studium; praktisch durch 30-jährige Erfahrungen als Muttersprachen- und Fremdsprachenlehrer in mehreren Ländern und EU-Institutionen; darüber hinaus auch durch schriftstellerische Erfahrungen im Umgang mit dem Deutschen als Autor einer Roman-Trilogie.

All dem gemeinsam ist eine intensive Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache, ein dabei gewachsener Respekt vor deren Leistungen und die Sorge um deren unbeschädigten Erhalt als großartiges Mittel der Kommunikation sowie des Selbst- und Weltverständnisses.

 

Die genannten Zielstellungen und konkreten Erfahrungen implizieren die Notwendigkeit, sich von vornherein von Versuchen der Instrumentalisierung zu politischen bzw. ideologischen Zwecken klar und unmissverständlich abzugrenzen.

In diesem Falle sind solche Versuche vor allem von nationalistischen Kreisen zu erwarten, die sich als "Bewahrer der deutschen Sprache" aufspielen, mit der unverkennbaren Absicht, rückwärtsgewandten patriarchalen Vorstellungen, Strömungen und Parteien das Wort zu reden.

Dies schließt freilich keineswegs die Feststellung aus, dass der Anlass für solche Instrumentalisierung, oft, bewusst oder unbewusst, vielleicht sogar überwiegend, von Gendern-Befürwortern und vor allem -Propagandisten gegeben wird: sei es aus wohlmeinendem missionarischem Eifer, sei es aus dogmatischer Einstellung oder schlicht aus Ignoranz in Bezug auf die zur Debatte stehenden sprachlichen Phänomene. Solche persönliche Motivlagen im Einzelfall zu ermitteln wäre für die Untersuchung aber weitgehend ohne Belang. Es zählen die Fakten.

 

Wenn eine exemplarische Analyse von kontraproduktiven Auseinandersetzungen mit gegenseitigen Unterstellungen im Zusammenhang der politischen Analyse auch nicht ganz umgangen werden kann, so ist doch Sorge zu tragen, dass die Untersuchung nicht selbst in den Strudel ideologischer Auseinandersetzungen gerät oder sich gar dadurch dominieren lässt.

Dementsprechend soll zunächst eine möglichst nüchterne linguistische Analyse der theoretischen Grundlagen des Genderns und danach eine kritische Untersuchung vermeintlich notwendiger weitreichender  Eingriffe in das grammatische und lexikalische Sprachsystem des Deutschen im Vordergrund stehen.

 

 

 

 

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